Die japanische Legende von Amabie rankt sich um ein geheimnisvolles Fabelwesen. Es soll dem Meer entstiegen sein und sich nur zu bestimmten Anlässen den Menschen zeigen. Amabie hat drei Beine, einen Fischleib und sehr langes Haar, das bis zu seinen Füßen reicht. Auf einem Holzschnitt aus dem Jahr seines ersten Erscheinens ist sein Kopf wie der eines Vogels mit einem spitzen Schnabel geformt. Die Leute erzählen sich, dass dieses Mischwesen im Jahr Kōka-3 der Edo-Periode am Ufer von Kumamoto in der Provinz Higo auftauchte. Das war nach unserer Zeitrechnung das Jahr 1847 oder 1848. Die Präfektur Kumamoto befindet sich auf der Insel Kyūshū im Süden von Japan.

Mehrere Nächte lang war vom Strand aus ein seltsames Leuchten im Meer zu sehen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, begab sich ein Beamter der Stadt ans Ufer und beobachtete das Wasser. Nach einiger Zeit kam Amabie zum Ufer und sprach mit ihm. Es sagte für die nächsten sechs Jahre eine gute Ernte voraus. Dann forderte es den Beamten auf, ein Bild von ihm zu zeichnen. Diese Abbildung sollte er den Menschen zeigen, wenn sich eine Krankheit ausbreitet, damit sie durch den Anblick geheilt würden. Es kehrte ins Meer zurück und der Beamte ließ einen kunstvollen Holzschnitt von seiner Gestalt anfertigen. Er wurde gemeinsam mit einem Abdruck der Geschichte in der Zeitung veröffentlicht, die so in ganz Japan bekannt wurde

 

Traditionen in Japan

Der Name Amabie beziehungsweise Amabiko wird aus den beiden Silben Ama und Biko gebildet. Sie lassen sich als "Himmel" und "verehrter Sohn" übersetzen. Im Zusammenhang mit der Legende wäre die Bezeichnung "Himmlischer Bote" oder "Bote des Meeres" gut nachvollziehbar.

In Japan werden Geister und Dämonen aus der Natur Yokai genannt. Sie leben im Meer, auf einem Berg oder mitten unter den Menschen. Einige sollen einem Tier ähnlich sehen, andere können ihre Gestalt wandeln und manchmal wie ein Mensch oder wie Haushaltsgegenstände erscheinen. Bestimmte Yokai verfügen über gewaltige Kräfte und sind angeblich unverwundbar.

Die japanische Tradition hat einen engen Bezug zu märchenhaften Wesen und Geschichten über die Geisterwelt. Vielen Tieren werden magische Kräfte zugeschrieben oder sie verkörpern Gottheiten. So gelten Fuchs, Hai, Wolf oder Dachs als magisch. Der Fuchs kann sich in eine schöne Frau verwandeln, die ihre List und Tücke geschickt einsetzt. Die Figuren werden gerne als Motiv auf Zeichnungen und Gemälden verwendet. Sie tauchen in Mangas auf oder bieten Künstlern eine Inspiration für neue Werke. Auch wenn in der modernen japanischen Gesellschaft der Aberglauben keinen Platz hat, mögen die Japaner ihre Yokai sehr gern. Sie nutzen sie als Maskottchen und verwenden sie für Mut machende Geschenke.

Amabie verhält sich der Legende nach gegenüber der Bevölkerung positiv, indem es reiche Ernten vorhersagt und mit seinem Bild Krankheiten vertreiben kann. Es tauchte später noch mehrmals in ganz Japan auf. Seine letzte Sichtung wurde im Jahr 1876 vermerkt. Dabei wurde die Gestalt abwechselnd Amabie oder Amabiko genannt. Sie wurde mit einem Affenkörper, mit Tintenfischtentakeln oder mit einem menschlichen Kopf dargestellt. Allen Geschichten war gemeinsam, dass mehrere Jahre mit guten Ernten und eine drohende Epidemie vorhergesagt wurden. Als Mittel gegen die Seuchen sollten Abbilder der Wesen dienen. Danach war es lange ruhig um diese Figur, doch geriet sie nicht völlig in Vergessenheit.

 

Entwicklung im 20. Jahrhundert

In der Zeit bis 1870 war der Glaube an Yokai im japanischen Volk noch weit verbreitet. Mit Beginn der Meiji-Periode und der industriellen Revolution in Japan verbreiteten sich immer mehr westliche Werte und Ansichten, welche die Geister und Dämonen als Aberglauben verbannten. Doch hielten sich die Fabeln und Märchen hartnäckig in der Bevölkerung. Anfang des 20. Jahrhunderts besann sich die Nation wieder mehr auf ihre historische Identität. Man widmete sich wieder dem Bushido-Ethos und besann sich auf die mysteriösen Wesen, welche die Landbevölkerung schon immer als Erklärung für seltsame Phänomene heranzog.

Gelegentlich tauchte Amabie nun in Zeitschriften auf. So wurde es bei einem Cholera-Ausbruch im Jahr 1882 und dem Vorabend des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 abgedruckt. In den Zeitungen befanden sich Amabiko-Beilagen, welche die Leute bei sich zu Hause anbringen sollten. Der Künstler Mizuki Shigeru startete in den 1960er Jahre eine Mangaserie mit diversen Auftritten von Yokai und entwickelte später ein großes Kompendium zu diesen Figuren, in welchem Amabie mit erscheint. Seinen ersten Auftritt in einem Anime erhielt es im Jahr 2007. Mizuki Shigeru verstarb im Jahr 2015, doch führte seine Firma das Werk fort.

Im Jahr 2020 verbreitete sich das Coronavirus über die ganze Welt. Die Firma „Mizuki Productions“ twitterte am 17. März 2020 über ihren Social-Media-Account des Unternehmens ein Foto von Mizukis Amabie-Illustration. Dazu veröffentlichte sie folgende Nachricht: "Dies ist ein „Amabie“. Wir haben ein Foto von Mizuki Shigerus Originalzeichnung gemacht. Es ist … einem göttlichen Wesen näher als einem Yōkai. In der Edo-Zeit erschien es ... und wies an: „Wenn sich die Pest ausbreitet, zeichne mein Bild und zeige es schnell allen.“ .... Möge es uns von der gegenwärtigen Pandemie befreien."

Das Echo auf diesen Tweet war gewaltig. In Windeseile verbreitete sich die Nachricht und Menschen auf der ganzen Welt bringen das Bild als Poster in ihrer Wohnung, auf Kleidungsstücken oder sogar auf den Masken als Schutz gegen Covid-19 an. Auch wenn ein Bild keinen Virus bekämpfen kann, dient es doch als Zeichen der Gemeinsamkeit. Es ist in vielen Varianten zu finden, die auf Plakaten die Hygieneregeln gegen Corona illustrieren oder einfach nur eine niedliche Form haben. Sogar das japanische Gesundheitsministerium nutzte es als Logo für seine Kampagne gegen die Corona-Pandemie.

Viele Darstellungen halten sich weitgehend an den ursprünglichen Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert. Doch sind auch fantasievolle Varianten zu finden, die im kindlichen Kawaii-Stil, als klassische Tuschzeichnungen, Plastiken, gehäkelte Amigurumi oder Holzfiguren ausgeführt sind. Vielleicht sagt das massenhafte Auftauchen von Amabie ja auch gute Ernten für die nächsten Jahre voraus. Das wäre wirklich schön.

 


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