Als Besucher in Japan, vor allem im geschäftlichen Bereich, wird man früher oder später feststellen, dass Kommunikation hier ganz anders funktioniert. Höflichkeit wird in Japan großgeschrieben, was sich quer durch die Sprache zieht – besonders bei der japanischen Anrede. Hierarchie und Respekt vor Älteren ist hier sehr stark ausgeprägt und sollte unbedingt beachtet werden. Wenn man niemanden vor den Kopf stoßen möchte, muss man also wissen, wie man jemanden richtig anredet. Aber wie?


Die letzte Silbe ist entscheidend

Befindet man sich mit einer Person auf derselben Stufe der Hierarchie (bezüglich des Alters und beruflichen Status), ist es ganz einfach: Man hängt an den Nachnamen – oder, wenn man sich schon gut kennt, an den Vornamen – das am häufigsten verwendete Suffix -san an. Dies ist vergleichbar mit unserem „Herr“ oder „Frau“: Aus „Herr Yamada“ wird beispielsweise Yamada-san. „Du“ oder „Sie“ sagt man übrigens eher selten: Man nennt seinen Gesprächspartner beim Namen oder lässt ihn ganz aus, wenn es klar ist, mit wem man spricht.

Verwenden Sie aber niemals den Vornamen einer Person, bevor Sie es bei Ihnen tut – sonst riskieren Sie, als unhöflich zu gelten! Der Nachname steht nicht umsonst bei Namensangaben immer an erster Stelle, und nur bei Freunden geht man zum Vornamen über.

Wenn Sie sich selbst vorstellen, verzichten Sie hingegen unbedingt auf jegliches Suffix. Das ist leicht nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, dass man in der japanischen Kultur andere höher achtet als sich selbst.

Möchte man einer Person, meist einem Kunden, mit besonders viel Respekt begegnen, benutzt man die japanische Höflichkeitsform -sama. Kunden werden oft O-Kyaku-sama genannt. Daran erkennt man den hohen Stellenwert, den Kunden in der japanischen Gesellschaft haben. Aber auch in sehr formellen Situationen wie einem Meeting greift man oft zu dieser Anrede, und wenn man den Namen einer Person nicht kennt, kann man sie auch O-sama nennen.  Vorsicht: -sama wird nur für Personen mit signifikant höherem Alter oder Status verwendet und eine übermäßige Benutzung wirkt sarkastisch. Personen, die eine besonders hohe Meinung von sich haben, werden so gern ins Lächerliche gezogen.

Das schriftliche Äquivalent zu -sama ist -shi. In Japan benutzt man diese Anrede in sehr formellen Schreiben für Personen, die man nicht persönlich kennt. Zu hören ist es oft in den Fernsehnachrichten.


Achtung vor dem Alter

Komplizierter wird es, wenn die Person älter ist als man selbst (und sei es nur ein Jahr!) oder sich in einer höheren Position befindet. Ältere Mitschüler, Kommilitonen oder auch Mitarbeiter, die bereits länger in der Firma sind, spricht man in Japan mit -senpai an. Diese Anrede kann auch ohne den Namen benutzt werden.

Nicht nur die japanische Anrede, auch die Art der Sprache ändert sich abhängig davon, welches Alter und welchen Rang das Gegenüber hat. Ein Beispiel dafür sind veränderte Formen von Verben oder das Voranstellen von -o. -O ist ein respektvolles Präfix und kann nicht nur für Namen, sondern auch für Objekte wie zum Beispiel den Tee bei einer Teezeremonie verwendet werden. Ebenso kann man Adjektive oder Verben damit versehen, um die Sprache formeller zu machen: Aus „Genki desu ka?“ – „Wie geht’s?“ wird so „O-genki desu ka?“.

Diese besondere Form der respektvollen Sprache heißt Keigo und kann, abhängig von der Situation und Beziehung zum Gesprächspartner, verschiedene Formen annehmen. Diese Höflichkeitssprache ist schwer zu erlernen, da sie auch viele Elemente der Sprache wie Verbformen und bestimmte Ausdrücke beeinflusst, und sogar viele Japaner beherrschen sie nicht vollständig. Trotzdem muss man Keigo auch dann verwenden, wenn das Gegenüber auch nur ein Jahr älter ist als man selbst. Man kann dies grob mit dem Unterschied zwischen „Du“ und „Sie“ bei uns vergleichen. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Sie schon einer neuen Person mit Alter und Berufsstatus vorgestellt werden – Ihr Gesprächspartner muss schließlich wissen, wie er sie anzureden hat.

Eine interessante Auswirkung hat Keigo, wenn Sie Ihren Vorgesetzten einer anderen Firma vorstellen wollen: Um Ihrem Gegenüber Respekt zu erweisen, müssen Sie nicht nur sich selbst, sondern auch Ihren eigenen Chef herabsetzen. Während Sie also normalerweise Kachō zu ihm sagen sollten, verzichten Sie hier auf jegliche Höflichkeitsform und benutzen stattdessen nur den Namen.


Besondere Höflichkeitsformen für besondere Personen

Für Lehrer, Professoren und Trainer ist die japanische Anrede Sensei reserviert – aber auch Ärzten, Anwälten und Politikern steht dieser Titel zu. Ob man den Namen voranstellt oder nicht, ist einem wie bei Senpai selbst überlassen. Oft ist es angebracht, auf den Namen zu verzichten und nur den Titel zu verwenden: so wird der Abteilungsleiter in der Firma beispielsweise einfach Buchō genannt.

Viele andere Berufsgruppen werden ebenfalls mit ihrem Titel angesprochen. Wenn man von jemandem innerhalb seiner Firma oder von Mitarbeitern anderer Firmen spricht, kann man den Berufstitel zusammen mit der Anrede -san verwenden, beispielsweise Kaichō-san für den Direktor. Angestellte ohne Manager-Status haben jedoch keinen Titel.

Bewegt man sich in noch höheren Kreisen, gibt es weitere japanische Höflichkeitsformen, die man beachten muss. Der Kaiser, Tennō, trägt den Titel Heika – „Majestät“, andere Mitglieder des kaiserlichen Adels werden mit Denka – „Hoheit“ angesprochen. Kakka heißen Minister, und Staatspräsidenten werden Daitōryō genannt. Darüber hinaus gibt es noch einige veraltete Anreden wie -dono für „Meister“ und no kimi für den Adel. Man findet sie vor allem in historischen Theaterstücken und Filmen, aber auch manchmal noch im Schriftverkehr.


Auch Niedlichkeit kommt nicht zu kurz

Spricht man mit Kindern, kann man an deren Namen das verniedlichende -chan anhängen. Auch enge Freunde oder Partner sprechen sich so liebevoll an. Süße Tiere oder Maskottchen können ebenfalls -chan sein. Der Ursprung dieser Anrede kommt daher, dass Kindern das Aussprechen von chan leichter fällt als san. Aus demselben Grund gibt es die Abwandlung tan, die als noch ein Stück niedlicher gilt.

Manchmal wird der Name verkürzt, wenn -chan angehängt wird, woraus dann ein Spitzname wird. In diesem Fall kann man sich sogar selbst so nennen.

Während -chan für Erwachsene eher eine weibliche Anrede ist, hört man bei jungen Männern, vor allem unter Jugendlichen, hingegen oft das informelle -kun. Diese Anrede sollte aber nur für Personen mit dem gleichen oder niedrigeren Status verwendet werden


Zusammengefasst: Welche Höflichkeitsform passt in welchem Fall

  • -san für Personen mit dem gleichen Alter und Status
  • -sama für Kunden und ranghöhere Personen
  • -sensei unter anderem für Lehrer, Professoren und Ärzte
  • -senpai für ältere Mitschüler und Kollegen
  • -kun für jüngere und rangniedere Personen
  • -chan für Kinder, Partner und enge Freunde.


Japanische Anrede in der Familie

Familienmitglieder nennt man selten beim Namen, sondern nimmt stattdessen die jeweilige Anrede. Auch hier findet meistens -san Verwendung: Der Vater heißt Otōsan, die Mutter Okaasan. Den großen Bruder nennt man Niichan oder (O)niisan, die große Schwester Neechan oder (O)neesan. Die kleine Schwester hingegen spricht man mit Imōto an und der kleine Bruder wird Otōto gerufen.

„Oma“ heißt Obaasan, „Opa“ Ojiisan. Verwechseln Sie das aber nicht mit Ojisan und Obasan: Diese Anreden für „Onkel“ und „Tante“ haben jeweils einen kurzen Vokal.

Wenn Sie über ein Familienmitglied einer anderen Person sprechen, verwenden Sie übrigens die gleichen Bezeichnungen mitsamt dem respektvollen -san. Spricht man zu jemandem über seine eigene Familie, verwendet man jedoch wiederum andere Worte: Zum Beispiel Haha für Mutter und Chichi für Vater.

Um eine besonders enge Verbundenheit zu seiner Familie auszudrücken, kann man statt -san auch zu -chan greifen. Otōsan wird dann zum Beispiel zu Otōchan und Obaasan zu Obaachan.


Was sollte man also über die japanische Anrede wissen?

  • Behalten Sie den Nachnamen Ihres Gesprächspartners und sprechen Sie ihn damit an
  • Verwenden Sie das richtige Suffix: Im Zweifelsfall hängen Sie mindestens ein -san an den Namen an
  • Wenn Sie besonders höflich sein möchten, vergessen Sie bei der Anrede nicht das Präfix o-
  • Im Beruf hat jeder Manager eine eigene Anrede: Nennen Sie den Direktor Kachō-san und den Abteilungsleiter Buchō-san
  • Auch die Kaiserfamilie und die Regierung wird mit Höflichkeitsformen angesprochen, wie zum Beispiel Denka und Kakka
  • Japaner haben, so wie wir auch, besondere und respektvolle Anreden und Bezeichnungen für Familienmitglieder.

Wenn Sie mit diesem System der japanischen Anreden und Höflichkeitsformen vertraut sind, leitet es Sie sicher und taktvoll durch den sozialen Alltag in Japan. Ihre japanischen Freunde, Bekannten, Kollegen und Geschäftspartner werden beeindruckt sein und Respekt ist Ihnen gewiss. Viel Erfolg bei Ihrem nächsten Japan-Besuch!