Entspannung, Schönheit und Philosophie gehören seit jeher zu einem japanischen Garten. Koi-Teiche, majestätische Bäume und Zen-Landschaften aus Felsen und Sand – so stellen wir uns die Gartenkunst Japans vor. Gleichzeitig ist Ästhetik hier nicht alles, und Garten ist nicht gleich Garten.

 

Wie in einer Legende

Zusammen mit Religion, Philosophie und vielen anderen Aspekten der Kultur haben China und Korea auch die Gartenkunst in Japan geprägt. Seit dem 7. Jahrhundert begann man, buddhistische und taoistische Elemente vor allem in japanischen Palastgärten einzupflegen: Die Ausgeglichenheit natürlicher Landschaften, die symbolischen Charakter haben und Besucher auf Werte der chinesischen Philosophien hinweisen oder einfach zur Entspannung anregen sollen. Japanische Gärten kommen dabei selten allein: Meist sind sie Teil eines Tempels, Schreins oder einer adeligen Residenz. Deshalb sind die Gebäude drumherum ebenfalls als ein Teil des Gartens zu verstehen.

Japanischer Garten Felsen und Sand

Gewässer waren von Beginn an Mittelpunkt der japanischen Gärten. Besonders in der frühesten Form, den Shinden-Gärten, waren große Teiche mit Koi-Karpfen, Inseln und hohen Brücken üblich, in denen man sogar angeln und Boot fahren konnte. So sah auch das buddhistische Paradies aus, nach dem sich viele Gartenkünstler in der späten Heian-Periode (bis 1185) orientiert haben. Pavillons über dem Wasser erlaubten den Genuss von Dichtkunst oder Sternenbeobachtung in einer malerischen Umgebung. Ein Bereich aus Kies zwischen dem Garten und umgebenden Gebäuden ermöglichte Besuchern zusätzlich, den Garten optimal im Blick zu haben und wurde für Veranstaltungen genutzt.

Wie der Paradiesgarten sind auch die meisten anderen japanischen Gärten eine Miniaturausgabe realer oder mystischer Landschaften: So imitieren Teiche die Seen oder Meere aus der japanischen Mythologie, wildwachsende Gräser und hohe Ginkgo-Bäume erinnern an Wälder. Auch die Inseln können wirkliche Orte repräsentieren oder aber Kreaturen wie Schildkröten oder Kraniche darstellen, die in der japanischen Symbolik einen wichtigen Stellenwert haben. Religiöse Einflüsse finden sich hier, wenn beispielsweise heilige Berge wie der Horai aus dem Taoismus mithilfe künstlicher Hügel imitiert werden.

Japanischer Garten Koikarpfen Teich


Japanische Gartenkunst: Jedes Detail zählt

Wenn man die japanische Kultur kennt, dann überrascht es nicht, dass jedes Element im Garten seine eigene Bedeutung hat. Wichtig in der japanischen Gartenkunst ist, die Balance zwischen Absicht und Zufall, Zerbrechlichkeit und natürlicher Kraft zu erhalten. Die Gestaltung soll möglichst schlicht, aber ästhetisch wirken, und den Raum geschickt nutzen, ohne ihn zu überladen. Der Künstler platziert jede Pflanze und jeden Stein sorgfältig und mit einem bestimmten Grund.

Es werden überwiegend immergrüne Gewächse gepflanzt, wie etwa Bambus oder Kiefern. Dabei wechseln sich formgeschnittene und wildwachsende Sorten ab. Da aber in Japan Jahreszeiten eine große Bedeutung haben, kann man hier immer mindestens eine blühende Pflanze sehen, die die Veränderung der Natur im Laufe des Jahres repräsentiert: Wie die winterblühende Pflaume, rote Ahornblätter im Herbst und Kirschbäume, die ihre Blüten im Frühling entfalten.

Dekorative Bestandteile wie Laternen, Statuen und Zäune, meist aus Stein oder Bambus, vervollständigen das Bild und schaffen Abgrenzungen zwischen Bereichen des japanischen Gartens. Dabei werden sie nach und nach ein Teil davon, indem sich Moos und Flechten darauf bilden. Japanische Gartenkünstler lassen sie wachsen, denn Vergänglichkeit gehört zur Philosophie des Wabi-Sabi, die die Schönheit in Schlichtheit, Ursprünglichkeit und Imperfektion sieht.

Auch Brunnen können eine dekorative und obendrein praktische Funktion erfüllen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Sozu, ein japanischer Brunnen mit zwei Bambuszuläufen. Der obere davon füllt den unteren, dessen Inhalt, sobald er voll ist, in den Brunnen fließt. Beim Zurückspringen danach erzeugt das Bambusrohr ein charakteristisches „Klonk“-Geräusch, wenn es gegen den Stein darunter stößt. Zusätzlich zum dekorativen hat dieser Brunnen damit auch einen praktischen Nutzen: Er soll Wildtiere, vor allem Rehe, vom Garten fernhalten, die die Pflanzen darin beschädigen könnten.


Wichtige Aspekte und Elemente eines japanischen Gartens

  • Mittelpunkt eines jeden japanischen Gartens sind Gewässer
  • Jedes Element hat seine eigene Bedeutung
  • Die Balance zwischen Zufall und Absicht ist wichtig
  • Schlichtheit und Ästhetik machen einen japanischen Garten aus
  • Jeder Felsen und jedes andere Element wird mit einem bestimmten Grund, sorgfältig platziert
  • Immergrüne Gewächse in Kombination mit mindestens einer blühenden Pflanze
  • Statuen, Zäune, Brunnen und Laternen wirken dekorativ und schaffen Abgrenzungen
  • "Unkraut“ darf wachsen – es zeigt die Vergänglichkeit
  • Das Wichtigste überhaupt: Wabi-Sabi – Schlichtheit, Ursprünglichkeit und Imperfektion = Schönheit


Zen kommt in die Gärten

Erst in der Kamakura-Ära (1185 – 1333) wurde der japanische Garten kleiner, minimalistischer und von Felsen und Sand dominiert. Deshalb heißt diese neue Form auch Karesansui: „trockene Landschaft“. Bei uns sind sie am besten als Zen Garten bekannt. Diese Wendung kam von der Militärelite, die die Herrschaft des Hofadels ablöste. Da die Samurai den neuen Einfluss der Zen-Philosophie aus China sehr begrüßten, ließen sie viele Tempel mit dazugehörigen neuartigen Gärten errichten. Karesansui-Gärten entstanden vermutlich dort, wo Quellwasser nicht oder nur schwer verfügbar war. Sie dienten den Mönchen ausschließlich der Meditation – daher sind sie nicht zum Betreten, sondern zum Betrachten gedacht, am besten aus einem speziellen Meditationsraum heraus. Im Gegensatz zu den früheren Formen der japanischen Gärten, von denen nur noch Gemälde bleiben, sind viele dieser Zengärten heute noch erhalten und haben auch deshalb unser Bild vom japanischen Garten geprägt.

Trotzdem gibt es nicht nur eine Art von Zen Garten. So offen Japan gegenüber Glauben und seiner Ausübung ist, so vielfältig kann die Bedeutung eines Zengartens von verschiedenen Betrachtern interpretiert werden: Ist die Anordnung der Steine zufällig oder symbolisch? Stellen sie Landschaften dar oder buddhistische Werte – wie die weltlichen Laster, von denen man sich befreien soll? Erwiesen ist, dass hinter der Anordnung der Steine in manchen Zen-Gärten komplexe Algorithmen stecken, die die psychologische Wirkung dieser Gärten erhöhen. Ein Beispiel dafür ist der Zen-Garten im berühmten Ryoanji-Tempel in Kyōto.

Zengarten Statuen


Eine Welt aus Felsen und Sand

Nicht nur im Buddhismus, auch im Shintoismus spielen Felsen eine Rolle: Große Steine stellen Gottheiten (Kami) dar und Kieselsteine markieren heiligen Boden vor einem Schrein. Diese Steine von Bergen, Fluss- und Meeresufern erfüllen entsprechend ihrer Größe, Form und Struktur verschiedene Funktionen im japanischen Zengarten, beispielsweise als Trittfelsen, Wasserfälle oder Brücken. Sie ersetzen auch andere Elemente: Große, manchmal von Moos umgebene Felsen für Hügel und Inseln, Kiesel und Sand für Wasser. Sie werden so angeordnet, dass es möglichst zufällig und natürlich aussieht – dem Prinzip von Wabi-Sabi entsprechend. Eine ungerade Anzahl wird dabei bevorzugt, da sie im Zen eine positive Bedeutung hat. Daher sind es oft Gruppen von drei Steinen, die ein Dreieck bilden: Sie können etwa als die Darstellungen Buddhas und zweier Bodhisattvas, erleuchteter Buddhisten, verstanden werden.

Im Sand oder feinen Kies um die Steine herum findet man die sorgfältig geharkten, charakteristischen Muster, die die Steine umspielen und im wechselnden Licht des Tages zur Geltung kommen. Diese Technik des Harkens soll Wasser und dessen Bewegungen imitieren: Strömungslinien, Wellen und Strudel. Sie erfordert mit ihrer Vielfalt an Mustern jahrelange Erfahrung in der japanischen Gartenkunst und Rechen aus Eisen oder Zypressenholz, um sicherzugehen, dass die Darstellung tief und beständig wird. Die Tempelpriester erneuern die Muster für gewöhnlich alle sieben bis zehn Tage.

Mithilfe ihrer minimalistischen, aber dennoch effektiven Gestaltung des japanischen Zen-Gartens kann eine entspannte Meditation erreicht werden, um den Buddha in sich zu finden. In öffentlichen Gärten ist das schwieriger, wenn Dutzende von Besuchern die Tempelanlagen füllen – deshalb gibt es in Japan auch private Gärten.


Wo Tee ist, ist auch ein japanischer Garten

Eine Art davon sind private Miniaturversionen von japanischen Gärten, genannt Tsuboniwa – zwei-Tatami-Matten-Gärten. Der Name weist auf ihre Größe hin, die etwa zwei japanischen Tatamimatten entspricht (bis zu zwei Quadratmeter). Diese kleinen Hofgärten haben einen anderen Nutzen als der Zengarten: Viele Japaner errichten sie bei sich zu Hause und sie dienen zum einen einem dekorativen, zum anderen einem gesundheitlichen Zweck: Sie sollten in den kleinen Hinterhöfen oder zwischen Gebäuden in eng bebauten japanischen Städten Frischluft spenden.

Als sich im 16. Jahrhundert in Japan die Teezeremonie entwickelte, bedeutete das auch eine neue Art von Garten: Den Teegarten Chaniwa oder Roji, wörtlich „taubedeckter Boden“ oder „taubedeckter Weg“. Das Prinzip des Wabi-Sabi ist auch hier zu finden: Asymmetrische, natürliche Landschaften und nur wenige, aber dafür bedeutungsvolle Elemente. Dieser Garten hat seine eigene Funktion in der Teezeremonie: Hier warten die Gäste auf den Empfang durch den Teemeister und waschen sich vor dem Betreten des Teehauses die Hände. Dafür ist ein spezielles Becken (Tsukubai) vorgesehen, das aus Steinen und einem Bambuszulauf errichtet ist.

Elemente von Teegärten sind auch in den aristokratischen Spaziergärten zu finden, die in der Edo-Periode (1603-1867) auf Schlossgrundstücken entstanden oder adelige Wohnsitze umgaben. In dieser Ära fand man zurück zu den ursprünglichen, weitläufigen Erholungsgärten. Ein sorgfältig gestalteter Weg aus Stein, Kies oder Erde führt hier durch die zahlreichen Hügel, Teiche und Inseln. Der Besucher wird angeregt, seine Aufmerksamkeit dabei auf bestimmte Elemente des Gartens zu richten.


Japanische Garten-Kultur im Wandel

Auch heute noch können diese diversen Gartenlandschaften erkundet werden. Insbesondere verschiedene Veranstaltungen locken in große japanische Gärten: Im Hamarikyu-Garten in Tokio beispielsweise findet jährlich die Grand Tea Ceremony statt, die Besuchern die Vielfalt der japanischen Kultur näherbringen soll.

Der moderne Garten, wie er heute verbreitet ist, ist eine Mischung aus Stein-, Sand- und Pflanzenlandschaft. Wiesen und Blumenbeete waren Elemente aus Europa und den USA und wurden seit der Öffnung Japans während der Meiji-Ära im 19. Jahrhundert dort immer beliebter. So stellen moderne japanische Gärten heute oft eine Mischung aus Tradition und westlichem Einfluss dar. Die Landschaft, insbesondere die Vegetation, im Hintergrund außerhalb des eigentlichen Gartens wird oft in die Gartengestaltung eingebunden. Heute sind Wolkenkratzer der Hintergrund einiger Gärten in japanischen Großstädten und unterstreichen die enge Koexistenz von Tradition und Moderne.

Japanischer Garten heute