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Süß, traditionell oder nervig? Die grinsenden Glücksbringer, die wir oft in chinesischen Restaurants finden, kommen eigentlich aus Japan. Sie bieten nicht nur Vorbilder für Animefiguren und Maskottchen, sondern auch ein Medium für Traditionen - werden aber oft missverstanden. Lernen Sie den interessanten Ursprung der Katzen-Figürchen kennen und die Gründe, warum sie eigentlich liebenswert sind.

 

Kleine Figur mit vielen Geschichten

Es lebte einmal ein armer Mönch in einem kleinen Tempel. Er hatte nur eine dreifarbige Katze namens Tama als Gesellschaft, um die er sich stets gut kümmerte. Eines Tages kam ein reicher Fürst auf dem Heimweg an dem Tempel vorbei, als ein Gewitter anfing. Er suchte unter einem Baum in der Nähe Schutz. Da sah er am Eingang die Katze, die ihm mit der erhobenen Pfote zuwinkte und neugierig betrat der Fürst den Tempel. Genau in diesem Moment traf ein gewaltiger Blitz den Baum, unter dem er gestanden hatte. Tama hatte ihm das Leben gerettet! Mit einer reichen Spende drückte er dem Mönch seinen Dank aus und er konnte seinen ärmlichen Tempel wieder aufbauen. So überlebte dieser bis heute und ist heute als Gōtoku-ji bekannt - der Tempel der winkenden Katzen.

Die "winkende" Katze Tama wurde nach ihrem Tod geehrt und in einer Figur verewigt. Diese ist aber nur eine der vielen Legenden, die sich um die japanische Glückskatze ranken. Genau aus diesem Grund schmücken heute Hunderte Katzenstatuen den Tempel in Tokyos Stadtteil Setagaya. Seine ruhige Lage macht ihn zu einem Geheimtipp für Touristen, die die vielen weißen Keramik-Glückskatzen bestaunen wollen. Da der Fürst aus der Legende aus Hikone kam, ist die Winkekatze zum Maskottchen der Stadt geworden.

Die meisten Sagen um den Ursprung der winkenden Katze stammen aus der Edo-Zeit (1603-1867). Eine etwas weniger glückliche Geschichte handelt von einer Geisha aus Tokyo und ihrem schnurrenden Haustier. Eines Tages, als die Geisha das Bad betreten wollte, benahm die Katze sich plötzlich wie tollwütig: Sie fiel ihre Herrin unentwegt an und zog an ihrem Kimono. Der Besitzer des Hauses bekam es mit der Angst zu tun und schlug der Katze im Sprung mit einem Schwert den Kopf ab. Dieser flog weg in das Bad und traf – eine Schlange. Der Kopf der Katze biss noch im Flug zu und tötete das Reptil. Die gerettete Geisha war untröstlich und im Versuch, ihr eine Freude zu bereiten, schenkte der Hausbesitzer ihr eine kleine Statue in Form ihrer geliebten Katze.

 

Die Farbe ist der Glücksfaktor

Die "winkende Katze" wird im Japanischen 招き猫 Maneki-neko genannt und gilt oft als Wiedergeburt von Kannon, der japanischen Göttin der Gnade. Gibt man einer solchen Glückskatze ein neues Zuhause, muss man zuerst wissen, welche man sich aussucht: Es gibt sie nämlich in verschiedenen Farben. Ist sie typisch weiß, soll sie besonders viel Freude und Glück bringen, Schwarz hält übelgesinnte Geister ab.

Maneki-neko - Schwarz hält übelgesinnte Geister ab

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Blaue Maneki-neko sollen für Sicherheit sorgen, und gelbe helfen, den richtigen Partner zu finden, ob in der Liebe oder im Geschäft. Rot ist ein Schutz vor Krankheiten und eine goldene Glückskatze steht wiederum für Wohlstand. Grüne und pinke Katzen sind eine moderne Variante: Grün für Erfolg in der Bildung, pink für eine glückliche Liebe. Es gibt heute sogar Winkekatzen mit Leopardenmuster: Sie sollen Politikern Erfolg in der Wahl bescheren. Das liegt daran, dass das japanische Wort Hyō für „Leopard“ genauso klingt wie das Wort für „Stimme“.

Traditionell ist die Winkekatze aber dreifarbig wie ihr Vorbild: Die Japanese Bobtail. Die Rasse entstand in der Edo-Zeit am kaiserlichen Hof, und ihr Stummelschwanz bringt dem asiatischen Glauben zufolge Glück. Die schwarz-weiß-rote Tricolor-Variante dieser Rasse ist besonders selten und soll deshalb diese Aufgabe am besten erfüllen. Japanese-Bobtail-Katzen haben einen freundlichen Charakter und sind vielleicht deswegen ein perfektes Vorbild. Übrigens klingt sogar der japanische Name der echten dreifarbigen Katze ähnlich: Mike-neko, "Drei-Fell-Katze".

Traditionelle Maneki-neko - Die Japanese Bobtail


Das, was die Maneki-neko trägt, hat ebenfalls eine Bedeutung. Meistens ist das beliebte Maskottchen mit einem grünen Lätzchen und rotem Halsband mit Glöckchen ausgestattet. Ersteres soll die kleine Figur beschützen und ihr Respekt erweisen, Letzteres ist ein weiteres Symbol für Reichtum. Schaut man genau hin, hält sie oft etwas in der Pfote, mit der sie nicht winkt. Ob ein kleiner Hammer, eine alte Münze aus der Edo-Periode oder einen Fisch: Alles davon steht für Wohlstand.

 

Das Geheimnis hinter dem Wink

Apropos Pfote. Es ist bekannt, dass die Katze etwas herbeiwinken soll - doch was eigentlich? Dafür muss man nur darauf achten, um welche Seite es sich handelt. Die rechte Pfote ist die, mit der dem Besitzer Geld, Gesundheit und Glück winken. Mit der linken Pfote winkt sie oft in Geschäften und Restaurants und soll auf diese Weise Gäste und Kunden ins Haus einladen.

Auch wenn es bei uns so aussieht, als würde die Glückskatze dem Betrachter zum Abschied winken: In Japan ruft man jemanden genauso herbei, mit der Handfläche nach unten und einer rudernden Handbewegung zu sich selbst hin. Und in der Katzenwelt ist es die Geste für das Putzen. Diese wurde wahrscheinlich missinterpretiert, woraus diese Tradition mit dem winkenden Arm erst entstand.

Hat die Winkekatze beide Pfoten gehoben, dient sie als Beschützer - ob in der Familie oder im Unternehmen. Solche Glückskatzen erzielten während der Finanzkrise 2008 einen Rekord im Verkauf. Haben sie etwas gebracht? Immerhin wächst Japans Wirtschaft derzeit so schnell wie lange nicht mehr.

 

Wo die Glückskatze zu Hause ist

Nicht nur in Gōtoku-ji findet man die Maneki-neko in Japan. Schon unweit des berühmten Sensō-ji in Asakusa, Tokyo, steht der Imado-Schrein. An diesem Schrein betet man für die Partnersuche, deshalb schmücken zwei riesige weiße Winkekatzen den Eingang. Die Ema, kleine Holztafeln, auf die die Besucher ihre Wünsche an die Götter schreiben, sind ebenfalls mit Glückskatzen verziert. Warum aber ausgerechnet Imado? Das einst florierende Töpferviertel hat einige der ersten Winkekatzen hergestellt und ist damit eine ihrer Geburtsstätten. Hier kommt sogar eine weitere Legende her: Von einer armen alten Frau, die fast schweren Herzens ihre geliebten Katzen verkaufen musste. Stattdessen aber machte sie kleine Katzen aus Ton, mit denen sie sich von ihren Schulden befreien konnte. So fing der lokalen Legende nach die Herstellung der beliebten Maneki-neko an.

Diesen Figuren ist inzwischen sogar ein Museum gewidmet – und nicht nur eines. Das größte befindet sich in Seto in der südöstlichen Präfektur Aichi, wo die Katzenstatuen auch seit über 1000 Jahren im eigenen, verfeinerten Stil getöpfert werden. Dort kann man nicht nur Tausende Winkekatzen aus unterschiedlichen Perioden und Stilrichtungen bestaunen, sondern auch selbst gestalten. Am 29. September findet in Seto auch das große Maneki-neko-Festival statt: Die Besucher schminken sich dabei im Glückskatzen-Stil und aus jeder Ecke winkt ihnen eine Katzenfigur zu.

Die Nachbarstadt Tokoname ist heute das japanische Zentrum der Töpfer und daher auch der wichtigste Hersteller der Maneki-neko. Eine riesige Figur der Glückskatze aus Stein erinnert daran: Das fast vier Meter große Maskottchen namens Tokonyan steht auf einer Mauer an der Manekineko-Straße. Die Straße heißt zwar nicht offiziell so, man erkennt aber sofort, was sie besonders macht: Die 39 kleinen Winkekatzen-Figuren, die von Künstlern angefertigt wurden und ebenfalls ihre Mauer schmücken.

Auch die Stadt Takasaki in Gunma ist für die Produktion von unterschiedlichen Winkekatzen bekannt. Die Präfektur im Herzen Japans ist sogar Sitz des Maneki-neko-Vereins, der ein Magazin herausbringt. Sogar die Präfektur Hiroshima ist von der beliebten Figur nicht verschont: Ein kleines Museum in der Stadt Onomichi liegt auf dem „Katzenpfad“, der auch von echten Samtpfoten bevölkert wird. Wer lieber etwas für das leibliche Wohl tun möchte, kann das in der „Jazzbar Samurai“ in Tokyos Ausgehviertel Shinjuku in der Gesellschaft von zahlreichen Glückskatzen-Figuren tun.



Aus Japan in die Welt

Chinesische Kaufleute brachten die Maneki-neko – bekannt als „Lucky Cat“ – in den letzten Jahrhunderten nach ganz Asien. Heute ist sie auch in China, Taiwan und Thailand vor allem als Geschenk bekannt und beliebt. Besonders chinesische Geschäftsleute schwören auf die goldenen Glücksbringer, die ihnen Reichtum bescheren sollen.

Maneki-neko - Goldene Glücksbringer für Reichtum


Meistens wird die Winkekatze heute aus Keramik oder Kunststoff hergestellt, manchmal auch aus Porzellan, Stein oder Glas. Für Bewegung sorgen Batterien oder Solar-Zellen. Wen die winkenden Pfoten nervt, kann sein Glück auch auf andere Weise suchen: Maneki-neko findet man beispielsweise als Stofftiere und Schlüsselanhänger, Spardosen und Schreibwaren, und in vielen anderen Formen. Sogar in der Popkultur: Die Katzenfigur war schon Vorbild für Hello Kitty und das Pokémon Mauzi. In Japan schließen sich Traditionen und Moderne nun mal nicht aus.

In japanischen Souvenirläden findet man die kleinen winkenden Katzen heute zuhauf und sie sind oft zur kitschigen Ramschware für Touristen geworden. Doch das wird ihnen nicht gerecht. Wer den Ursprung und die Bedeutung der japanischen Glücksbringer versteht, kann ihre hübsche Tradition weiterführen. Vielleicht kann dann auch Ihnen eine Maneki-neko das herbeiwinken, was Sie sich wünschen.