Diskretion, bitte: Die Trennwand ist aus dem japanischen Innendesign nicht wegzudenken. Die faltbaren Raumteiler können dabei so gut wie alles sein: Von Dekoration über Kleiderschrank bis hin zum politischen Instrument.

 

Ein Blick durch den Sichtschutz

Japanischer Paravent

Dass das Konzept der Tür in Japan noch recht neu ist, verrät die Sprache: Das japanische Wort dafür ist doa, ein Lehnwort aus dem Englischen („Door“). Was haben denn die Japaner als Tür benutzt, bevor ihre Kultur internationalem Einfluss unterlag?

Aus Filmen, traditionellen japanischen Wohnungen und Ryokan-Gasthäusern kennt man die eleganten Schiebetüren am Eingang. Sie heißen Shoji und bestehen aus besonderem, robustem und leicht durchsichtigem Papier (Washi). So schützt dieses zuverlässig vor Kälte, Regen und neugierigen Blicken. Gleichzeitig lässt es genug Licht durch, um den Raum zu erhellen. Es gibt Shoji in zwei Varianten: Die einseitige Version zeigt die delikaten Holzrahmen auf nur einer Seite, die dem Innenraum zugewandt ist. Doppelseitige Modelle sind hochwertiger, wobei dennoch eine Seite immer etwas rauer und faseriger ist als die andere.

Nicht nur als Abgrenzung nach außen, auch innen wird Papier und Holz gern verwendet: Als Raumteiler oder Paravent. Diese stammen aus alten Zeiten, haben sich aber immer wieder neu erfunden – und dienten schon immer ganz anderen Zwecken als nur Dekoration.

 

Wie der Paravent faltbar wurde

Byobu, das japanische Wort für den Paravent, bedeutet nichts anderes als „Wind-Wand“, also Schutz vor dem Wind oder dem Luftzug. Wie die Shoji bestehen diese Raumteiler aus Holz und Papier. Aber auch Seide, Satin und noch edlere Materialien können zum Einsatz kommen – besonders, wenn die Paravents mit einem Gemälde versehen sind. Diese Trennwände sind in der Regel doppelseitig bemalt, sodass man das Holz-Muster und die kunstvollen Bilder gleichermaßen von beiden Seiten bewundern kann. Dabei bestehen sie aus mehreren Elementen oder Paneelen, die sich zusammenfalten lassen. So wird die Darstellung wandelbar und der Raumteiler kann praktisch verstaut werden.

Dieser faltbare Paravent stammt ursprünglich aus China und Korea. Dort wurden sie wahrscheinlich schon vor unserer Zeit entwickelt und vor allem als Abschirmung vor Zugluft benutzt. Gleichzeitig bot die Trennwand guten Sichtschutz. Nach Japan kamen die Paravents im 7. Jahrhundert, als sie noch aus einem einzelnen Element bestanden. Erst etwa hundert Jahre später wurden die faltbaren Raumteiler hergestellt, die sich über mehrere Paneele erstreckten. Oft waren es dann sechs aufwändig bemalte, mit Seidenbrokat versehene Elemente.

Zuerst hielten sie Einzug in Tempel, Schreine und fürstliche Residenzen, bevor man die Paravents nach und nach auch in Geschäften, Dojos und Wohnungen finden konnte. Eines der ältesten Exemplare Japans ist der sechsteilige Paravent aus dem Toji-Tempel in Kyoto, der 796 gebaut wurde. Man kann diesen Raumteiler, auf dem ein Bambus vor einem bergigen Hintergrund dargestellt ist, auch heute noch dort bewundern.

Durch die vielen Stoffe wie Seide, Leder und Holz waren die Paravents allerdings schwer und unhandlich. Erst als sie mit widerstandsfähigem Papier gestaltet wurden, waren sie leicht zu tragen und aufzustellen. Außerdem ermöglichte das Papier, das die Seidenrahmen ersetzte, das dargestellte Bild im Ganzen über mehrere Paneele hinweg ohne Unterbrechung zu sehen.

 

Raumteiler mit Kultstatus

Im 16. Jahrhundert, in der Momoyama-Ära, war nach langer Kriegszeit Frieden und Einigung eingekehrt und das moderne Leben nahm seinen Lauf. Gleichzeitig wuchs das Interesse der Japaner an der Kunst: Dekorative Paravents wurden zum Statussymbol und begehrten Sammelobjekt. Manchmal wurde das Papier und Holz mit Metall wie etwa Goldfolie verziert. Manche Byobu-Maler sollen sogar ein Lotterie-System entwickelt haben, um teuren Stoff wie Seide, Satin und Gold finanzieren zu können. Je größer, prächtiger und aufwändiger, desto besser.

Wie passt das jedoch zur Ästhetik der Bescheidenheit, die in Japan so tief verwurzelt ist? Im 17. Jahrhundert zumindest blühte der Konsum. Künstler wurden von reichen Förderern unterstützt und Ausstellungen wurden organisiert. So etwa das Gion-Festival in Kyoto, das auch heute noch jedes Jahr im Juli stattfindet. In Paraden und Ausstellungen wird das Beste aus Japans traditionellen Künsten zeigt. Sogar Privatpersonen können dort mit ihren Familienschätzen prahlen.

Eines ist sicher: Ohne die Künstler und ihre Gönner gäbe es keine wertvollen Paravents. Die detailreichen Paneele der handbemalten Trennwände erzählen eine eigene Geschichte aus Tinte. Die Kunst der Trennwand-Bemalung heißt Byobu-e und wird auch heute noch in Familientradition ausgeübt. Wie fein oder grob das Material für den Paravent ist, muss natürlich zum Bild selbst passen, das zahlreiche Formen annehmen kann.

 

Legenden aus Papier, Seide und Farbe

Japanischer Paravent - Ornamente und Motive aus der Natur

Oft findet man auf einem japanischen Sichtschutz Ornamente und Motive aus der Natur: Pflanzen der Jahreszeiten wie Kirschblüten oder Ahornblätter, Bambuswälder oder Tiere wie Drachen, Tiger und Kraniche. Jedes Objekt und jede Farbe hat eine besondere Bedeutung.
So wurden Paravents gern als Mitgift für die adelige Braut vergeben, auf denen eine subtile Anweisung für das Verhalten auf dem Hof zu sehen war. Für Hochzeiten und Neugeborene aus hohen Schichten werden gern Shiro-e Byobu aufgestellt, die mit Glückssymbolen wie dem chinesischen Phönix versehen sind. Sie tragen den Namen „weißes Bild“, da die Motive auf weißer Seide, als Symbol für Reinheit, gemalt sind.

Menschen und Geschichten kamen dagegen erst im Mittelalter auf die Paravents. Manchmal findet man darauf Szenen aus dem historischen Alltag oder aber der japanischen Mythologie, Poesie und Literatur. Zum Beispiel erfreut sich Genji Monogatari, die „Erzählung von Genji“, großer Beliebtheit bei Paravent-Künstlern. Der Roman aus dem 11. Jahrhundert handelt vom Kaisersohn Hikaru Genji und dessen Liebesabenteuer. Szenen aus dem Werk illustrieren farbenfroh das damalige prunkvolle Leben im Kreise der Adeligen.

Kalligraphie findet ebenfalls häufig auf japanischen Raumteilern Platz: Teilweise werden ganze Bücher auf Trennwände niedergeschrieben. Oft verewigen Künstler darauf traditionelle Gedichte, japanisch Waka. Wenn sie von Langlebigkeit (Ga) handeln, nennt man solche Paravents Ga no Byobu. Zusammen mit der Darstellung von Vögeln und saisonalen Blumen sollen sie ein langes Leben bescheren und zelebrieren.

Ursprünglich waren die Trennwände aber auch diplomatische Geschenke. Ihre Bemalung vermittelte dabei eine Botschaft, auch wenn diese manchmal ironisch war: Es wurden zum Beispiel Paravents mit Krieger-Motiv nach Korea geschickt, wo Japan in den darauffolgenden Jahrhunderten mehrmals einmarschierte.

 

Die japanische Trennwand spricht eine eigene Sprache

Japanische Trennwand

Möchte man sich optimal am Kunstwerk erfreuen, muss man den Paravent auch richtig aufstellen: Im Zickzackmuster.
Ein Byobu kommt zudem selten allein, zumindest bei einem offiziellen Empfang. Oft werden die Paravents dazu in Paaren aufgestellt, wobei jeder der zwei eine unterschiedliche Bedeutung hat. Der wichtigere Teil steht immer rechts, wo auch das Motiv beginnt.

Interessant ist, dass es nur eine gerade Anzahl an Paneelen geben kann, da sonst der Raumteiler asymmetrisch wäre – daher sind vier-, sechs- und achtteilige Trennwände besonders verbreitet. Je nach Anzahl der Paneele variiert die Breite: Mit den üblichen sechs Elementen kommt man auf etwa 370 cm. Auch bei der Höhe gibt es viele Variationen: Zwischen 50 und 200 cm ist zum Beispiel alles möglich – je nach Sinn und Zweck der Trennwand. Davon gibt es so viele, sodass sich verschiedene Kategorien von Paravents ergeben:

  • Die Ur-Paravents aus nur einem Paneel heißen Tsuitate.
  • Zweiteilige Trennwände, Nikyoku, waren besonders wichtig für die Teezeremonie, wo sie Furosaki heißen. Sie sind nicht besonders hoch, sollen sie doch nur symbolisch den Gastgeber von den Gästen abgrenzen.
  • Für letztere wurden in den Warteräumen der Teehäuser vierteilige Raumteiler aufgestellt, die sogenannten Yonkyoku.
  • Die fast mannshohen Rokkyoku, Paravents aus sechs Paneelen, sind heute jedoch am beliebtesten und schmücken viele Wohnhäuser und öffentliche Räume.
  • Heute gibt es japanische Raumteiler sogar mit zehn Elementen (Jukyoku), die sich besonders für Hotels und Konferenzsäle anbieten.
  • Die Verwendung für die Garderobe geht mit Makura Byobu. Diese Paravents aus vier oder sechs Teilen sind besonders niedrig und dienen im Schlafzimmer als eine Art Kleiderständer und Abtrennung zum Umziehen.
  • Besonders interessant sind die Koshi Byobu: In Kriegszeiten im 15. und 16. Jahrhundert dienten sie als Absicherung für die Gäste eins Hauses. Standen sie nämlich hinter dem Gastgeber, konnte sich dahinter niemand verstecken und die Gäste bedrohen.

 

Wie der Paravent zu uns kam

Japanischer Paravent - Traditionelle Trennwand aus Japan

Wenn man alte Paläste, Tempel und Schreine in Japan besichtigt, wird man früher oder später auf eine solche Trennwand stoßen.
Einteilige Paravents gibt es noch in manchen Läden und Restaurants. Auch im japanischen Theater ist der Paravent ein Muss: Er steht dann oft als Hintergrund auf der Bühne. Die Theaterformen Noh und Kabuki nutzen die symbolischen Baum-Motive auf den Paravents für ihre Stücke.

Zu uns kam der Paravent dank niederländischen, portugiesischen und spanischen Händlern. Deshalb heißt er heute auch „spanische Wand“. Ihren französischen Namen hat die Trennwand ihrer Beliebtheit beim französischen Adel zu verdanken. Statt Papier wird heute auch oft anderer Stoff wie Vlies oder Tapete auf den Holzrahmen gespannt, welcher mit bunten Motiven bedruckt ist. Es gibt auch Paravents aus Holz ganz ohne andere Materialien. In Museen waren japanische Paravents ab dem 19. Jahrhundert zu finden und inspirierten auch westliche Künstler. So kann man sie etwa in Gemälden des Impressionisten Edouard Manet entdecken.

Heute bekommt man einen maschinell hergestellten Paravent online bereits für einen geringen, zweistelligen Preis. So ein Sichtschutz kann weiß, braun, in seltenen Fällen schwarz, oder auch in vielen Farben bedruckt sein. Für handbemalte Vintage-Modelle mit Gemälde, wie sie bei Sammlern begehrt sind, kann man aber auch Tausende von Euro ausgeben. Vorsicht ist bei solch delikaten Exemplaren geboten: Damit sie lange erhalten bleiben, sollten sie möglichst warm und feucht gelagert werden, was dem Klima ihrer Heimat Japan entspricht. Zu ihrem Erfolg bei Nicht-Sammlern trägt zweifellos bei, dass die Raumteiler leicht montiert, tragbar und vielseitig sind. Zusammengefaltet sparen sie Platz und verblassen sowie verstauben nicht so schnell. Sie lassen sich sogar nach Wunsch online und günstig personalisieren: Man kann sie etwa mit einem Foto bedrucken lassen.

Ob drinnen oder draußen, in Wohnzimmer, Küche oder Garten: Paravents eignen sich hervorragend zum Verschönern, schaffen Ambiente und Privatsphäre. Nicht nur in Japan kann die Trennwand ihren Zweck erfüllen und dabei uralte, spannende Geschichten erzählen.

 

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