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Jeder kennt Stand-up-Comedy: Aber Japaner bevorzugen es, andere im Sitzen zum Lachen zu bringen. Als Geschichtenerzähler und Schauspieler zugleich begeistern die Meister des Rakugo nicht nur ihr Heimatland, sondern die ganze Welt.

Zwei Bekannte treffen sich. Der eine fragt den anderen:

„Wie macht sich das Bücherregal, das ich für dich gebaut habe?“

„Oh, es ist schon kaputtgegangen. Es war nicht gut.“

„Was, warum denn das? Oh, warte… Du hast doch nicht etwa etwas draufgestellt, oder?“


Sit-down-Comedy aus Japan

Das ist nur eine ganz kurze Geschichte von vielen, die im Rakugo, der traditionellen japanischen „Sit-down-Comedy“, erzählt wird. Genau genommen gibt es über 500 klassische Anekdoten und unzählige weitere, die moderne Rakugoka, wie die Comedians genannt werden, selbst geschrieben haben.

Dabei sitzen sie nicht einfach auf der Bühne und erzählen. Das traditionelle Setting verlangt, dass sie auf einem Zabuton-Kissen in der Seiza-Haltung knien und einen Kimono tragen. Während seiner Arbeit können die Rakugoka auch Pause machen und sich umziehen – so eine Show bringt einen ganz schön ins Schwitzen, selbst wenn man nur sitzt. Außerdem haben sie genau zwei Requisiten: Einen Fächer (Sensu) und ein Tuch (Tenugui). Im Verlauf der Erzählung können diese Stift und Papier, Schwert, Teekanne, Buch, Regenschirm, Essstäbchen und vieles mehr sein.

So eingeschränkt das alles klingt, bleibt doch umso mehr viel Spielraum für Fantasie der Zuhörer. Wie der Rakugoka Shinoharu Tatekawa über seine Tätigkeit sagte: „Alles ist möglich“. Der Erzählkünstler muss nicht nur eine Person spielen, sondern gleich mehrere gleichzeitig, die sich unterhalten. Das erreicht er durch Änderung der Stimmlagen, Mimik und Gestik sowie der Augenrichtung, alles rasch und nahtlos. Auch Aufstehen und Gehen kann er, indem er – noch immer kniend – entsprechende Bewegungen und Geräusche simuliert. Außerdem muss er alle „Soundeffekte“ selbst beherrschen: Essen, Klopfen, Wind, das Geräusch von fließendem Wasser und vieles mehr. Je überzeugender er spielt und die Persönlichkeiten seiner Charaktere darstellt, desto lebendiger wird sein Dialog. In speziellen Theatern unterstützen Musiker den Erzähler im Hintergrund mit Shamisen-Zupfinstrumenten, Percussion und Flöten, und heute werden auch gerne Projektionen benutzt, die auf einer Leinwand hinter dem Rakugoka die Geschichte illustrieren. Am wichtigsten ist aber der Charakter des Rakugoka selbst: Seine individuelle Art, die Erzählung zu präsentieren, macht den Reiz dieser Disziplin aus.


Von der Predigt zur komischen Erzählkunst


Rakugo

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Als alte japanische Kunst ist Rakugo zwar bei uns nicht sehr bekannt, in Japan aber umso beliebter:
Besonders junge Leute haben im Schnitt mehr Auftritte der traditionellen Comedians gesehen als etwa Kabuki – expressives Theater – oder Buyo, traditionellen Tanz. Rakugoka werden in Schulen eingeladen, doch man findet sie auch auf besonderen Events wie Festivals und regulär spielen sie seit 1791 in eigens dafür eingerichteten Theatern, in denen man jeden Tag über die Ein-Mann-Dialoge lachen kann. Solche Bühnen mit dem Namen Yose gibt es noch in Tokyo, Osaka und Kyoto. Der Rakugo-Stil aus der letzteren Stadt ist aber inzwischen ausgestorben. Angefangen hat alles in Tokyo, das damals noch Edo hieß.

Genauer gesagt ist die Kunst des humorvollen Geschichtenerzählens noch älter und reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück. Buddhistische Mönche haben damals angefangen, ihre Predigten mit Anekdoten aus dem Alltag zu illustrieren und so ihre Lehren zugänglicher zu machen. Daher kommen auch die universellen Themen des Rakugo: Menschliche Eitelkeit, Dummheit und Gier führen nun mal nicht selten zu komischen Situationen.

Nach den Mönchen fanden auch die Feudalherren (Daimyo) Gefallen an den Geschichten und stellten Intellektuelle ein, damit diese sie damit unterhielten. Besonders in der Nacht, als die Angst vor feindlichen Angriffen groß war, hielten diese sie wach. Daher heißt auch die erste Anekdotensammlung, die der Mönch Anrakuan Sakuden geschrieben hat, „Lachen, das den Schlaf vertreibt“ (Seisuisho). Darin kommen auch Doka vor, Gedichte mit einer Lehre darin. In Japan ist Lachen oft mit einem pädagogischen Wert verbunden: Sei nicht so wie diese oder jene Figur, dann wirst du auch nicht bestraft!

Erst in der Edo-Zeit (1603-1868) fand diese Kunst auch in übrigen gesellschaftlichen Klassen Verbreitung und wurde begeistert aufgenommen. Seit dem 20. Jahrhundert heißt sie offiziell Rakugo 落語, was man mit „gefallenes Wort“ übersetzen kann.


Angehende Comedians haben wenig zu lachen

In Japan gibt es heute noch etwa 700 Rakugoka. Wenn man selbst einer werden möchte, muss man zunächst einen Meister finden, der einen unter seine Fittiche nimmt. Der Lehrling ist zunächst ein Zenza: Die zweite Stufe heißt dann Futatsume und der Meister wird schließlich Shin‘uchi genannt.

Ein Anfänger bekommt von seinem Meister einen Künstlernamen und nimmt normalerweise als dessen Nachfolger auch seinen Nachnamen an. Zu Beginn muss er Hilfsarbeiten für den Meister verrichten, ihm assistieren, den Kimono falten und Tee machen, ihn bei der Arbeit beobachten und sich alles genau einprägen. So kann er ihn imitieren und seine ersten kurzen Aufführungen üben, etwa als „Vorprogramm“ für seinen Lehrer. Da bleibt nicht viel Zeit für andere Beschäftigungen, da er für seinen Meister auf Abruf verfügbar sein muss. Hierarchie ist in dieser alten Disziplin immer noch aktuell: Bei gemeinsamen Kneipen- und Restaurantbesuchen etwa spielt der rangniedere Zenza den Kellner am Tisch.

Wenn er eine Geschichte, ob klassisch oder aus dem Repertoire seines Meisters auf der Bühne zum Besten geben möchte, braucht er dafür zuerst seine Erlaubnis. Wenn der Meister einverstanden ist, darf der Zenza auch von anderen lernen – muss diesen aber sein Können demonstrieren, bis er die Anekdote auch einem Publikum erzählen darf. Nicht alle Geschichten gelten als für einen Zenza geeignet: Alkohol oder Glücksspiel darf darin zum Beispiel nicht vorkommen.

Als Zenza muss man drei bis vier Jahre fleißig lernen und arbeiten, machmal auch länger, bis man aufsteigen kann. Sobald man in einer feierlichen Zeremonie zum Futatsume ernannt wurde, kann man auch eigene Auftritte organisieren und Fans sowie die Anerkennung anderer Erzählkünstler gewinnen. So bahnt sich der Lehrling den mühsamen Weg zum angesehenen Meister.


Rakugo ist nur etwas für Japaner?


Rakugo aus Japan

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Bei aller Tradition muss man dennoch kein Japanisch können, um Rakugo zu genießen. Viele Performer haben ihr Publikum auf den Rest Asiens, Europa und USA ausgeweitet und ihre Anekdoten ins Englische übersetzt.
Manche Rakugoka kommen mittlerweile auch aus dem Westen. Und seit etwa 25 Jahren dürfen auch Frauen den Beruf ergreifen und behaupten sich gerade in der von Männern dominierten Disziplin. So gibt es nicht nur Tourneen, sondern auch Aufnahmen berühmter Geschichtenerzähler auf YouTube und im Fernsehen, in Filmen und Anime, die jedem die japanische „Sit-down-Comedy“ nahebringen können.

Eine typische Anekdote kann so zwischen 10 und 40 Minuten dauern. Je nachdem, wie die Reaktionen des Publikums sind, kann der Rakugoka die Anekdote sogar ausweiten oder verkürzen. Manchmal leitet er die Show mit einer kurzen Geschichte ein, die Kobanashi genannt wird – zum Beispiel jene, die Sie am Anfang gelesen haben. Wichtig dabei ist aber Ochi – die Pointe. Diese kommt plötzlich, wie bei einem Witz, und markiert den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende einer Geschichte im Rakugo. Manche Erzählungen sind dagegen subtiler und besitzen keine Ochi. Pro Aufführung erzählt der japanische Comedian dann etwa drei oder vier solcher Geschichten.

Eine Übersetzung ist zwar nicht leicht, da viele Geschichten im Rakugo auf Wortspielen basieren. Dennoch sprechen viele davon mit ihren Themen Zuschauer auf der ganzen Welt an. Typisch menschlich statt typisch japanisch – der Reiz der Tradition geht dennoch nicht verloren und manchmal muss man Eigenheiten der Kultur verstehen, um die Anekdoten schätzen zu können. Der Rakugoka hilft aber dabei: Am Anfang baut er einen Draht zu seinen Zuhörern auf und spricht über gesellschaftliche Phänomene oder aktuelle Ereignisse, die er nicht selten kritisiert oder parodiert. Auch persönliche Erfahrungen finden darin Platz. So testet er außerdem aus, welche Geschichten er für sein Publikum auswählen wird. Im internationalen Kontext gibt er eine kurze Einleitung, sodass jeder der Erzählung folgen kann. Interaktion mit den Zuhörern ist wichtig, damit die Stimmung gut bleibt und jeder die Show in vollen Zügen genießt. Ein japanischer Comedian auf Reisen hat viel zu erzählen – Wahres und Unglaubliches. Im Rakugo ist nun mal alles möglich.


Manju Kowai – Gruselige Küchlein: Eine kleine Geschichte von der Rakugo-Bühne

Eine Gruppe von Freunden trifft sich auf Bier und Sake und spricht darüber, wovor sie Angst haben. „Schlangen“, sagt er erste, ein anderer erwidert schaudernd: „Dachse“.

„Spinnen…“

„Fledermäuse…“

„Ameisen…“

„Raupen!“

Einer von ihnen bleibt jedoch stumm.

„Du hast noch nichts gesagt, Matsumoto“, sprechen sie ihn an. „Wovor hast du Angst?“

Matsumoto denkt nach. „Hm. Da gibt es nur eine Sache, vor der ich wirklich Angst habe“.

„Und zwar?“, drängen die anderen.

„Manju…“

„Die Bohnenküchlein?“, lachen sie ihn aus. „Aber warum?“

„Ich weiß es nicht“, erwidert Matsumoto, schaudert und verzieht das Gesicht. „Schon beim Gedanken daran läuft es mir kalt den Rücken runter“.

Alle trinken und reden munter weiter, bis es Zeit wird, nach Hause zu gehen. Als Matsumoto ins Bett gegangen ist, beschließen die anderen, ihm einen Streich zu spielen.

Früh am nächsten Morgen gehen sie in einen Laden und kaufen eine Kiste voller Manju in verschiedensten Sorten. Dann bringen sie diese ins Schlafzimmer des nichtsahnenden Matsumoto und stellen sie neben sein Bett. Lachend warten sie im Zimmer nebenan, bis ihr Kumpel aufwacht.

„Aaah!“, ertönt plötzlich ein Schrei aus dem Schlafzimmer. „So viele Manju! Aber ich habe doch solche Angst…“ Die Freunde können sich kaum halten vor Lachen.

Für einige Zeit wird es aber nun still im Zimmer. Skeptisch geworden, entscheidet sich einer schließlich, die Tür zu öffnen. Dort sitzt Matsumoto und verputzt gerade freudestrahlend einen der Manju.

„Hey! Er hat uns reingelegt. So glücklich, wie er aussieht!“

„Hey Matsumoto! Nun sag schon: Wovor hast du denn wirklich Angst?”

Und Matsumoto antwortet: „Jetzt gerade fürchte ich mich wirklich sehr vor einer Tasse grünen Tee…“


Noch nicht genug Rakugo?

Wenn Sie mehr über die humorvolle japanische Erzählkunst erfahren möchten, können wir folgende Filme und Bücher empfehlen:

  • Rakugo Monogatari: Ein Film von Shinpei Hanashiya über einen scheinbar untalentierten Rakugoka-Lehrling, der selbst im Stil der Comedy-Disziplin aufgebaut ist
  • Seisuisho. Lachen, das den Schlaf vertreibt: Die erste Anekdotensammlung vom Urvater des Rakugo, Anrakuan Sakuden
  • Shouwa Genroku Rakugo Shinjuu: Manga und darauf basierender Anime, dessen Protagonist, kaum aus dem Gefängnis entlassen, selbst die Kunst des Rakugo lernen möchte
  • YouTube – Diese und viele mehr Rakugoka unterhalten auf Englisch:
  • Shinoharu Tatekawa
  • Kimie Oshima
  • Katsura Kaishi
  • Kanariya Eiraku
  • Diane Kichijitsu