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Strahlende Sonne, Wärme und eine leichte Brise – das wünschen wir uns besonders in der kalten und dunklen Jahreszeit. Für Japaner ist der sanfte Klang eines Windspiels der Inbegriff des Sommers. Warum es mehr als nur Deko ist, erfahren Sie hier.

 

Souvenir aus dem Land des Windes

Souvenir aus dem Land des Windes

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Das japanische Windspiel klingt nicht nur schön, es bietet auch etwas für das Auge. Im Land der aufgehenden Sonne heißt es Furin: 風 Fu steht für „Wind“ und 鈴 Rin für „Glocke“. Die heutige Form dieser Klangspiele aus Glas ist in der Edo-Zeit (1603-1868) entstanden und nennt sich daher oft Edo Furin. Diese bestehen traditionell aus einer gläsernen Kugel, in der ein Klöppel mit einem dünnen, beschrifteten Papierstreifen hängt. Zu dieser Zeit gelangte das Material Glas zum ersten Mal aus Holland und Portugal nach Japan. Dank des Handelshafens in Nagasaki begann dort die Geschichte der Glaskunst, wo die ersten Meister ihre Herstellung erlernten. Bevor es nach Edo kam (das heutige Tokyo), hieß die Kunst Bidoro (nach dem Portugiesischen vidro für „Glas“).

Kreatives Spielzeug für Kinder und bunte Dekoration, aber insbesondere Windspiele aus dem fragilen Material erfreuten sich seither in Japan großer Beliebtheit. Kein Wunder: Waren die Modelle aus Porzellan, Bronze und anderen teuren Stoffen zuvor noch unbezahlbar für einfache Leute, wurden sie mit einem Mal für jeden erschwinglich.

Es gibt heute aber auch kunstvolle Kategorien aus anderen Stoffen: Bunte Figuren aus Keramik, ziervolle Pagoden aus Metall, oder Röhrchen aus Bambus. Solche traditionellen Klangspiele gibt es sogar länger als Edo Furin. Auch glockenförmige Nanbu Furin sind sehr populär, die aus Gusseisen hergestellt sind. Je nach Material ändert sich natürlich auch die Klangfarbe. Während ein Windspiel aus Edelstahl, Gusseisen und Glas bei leichtem Wind einladend klingelt, pfeift dieser melodisch durch ein Bambus-Windspiel und klickt auf Holz wie bei einer Zen-Meditation im Tempel.

 

Geheime Sprache der Windspiele

Geheime Sprache der Windspiele

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Sind sie aber nun Deko, Glücksbringer oder Messinstrument für die Windrichtung? Wohl ein bisschen von allem. Ihren Ursprung haben diese speziellen Mobile in China. Zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert, zur gleichen Zeit wie der Buddhismus, verbreiteten sie sich in Japan – und zwar als eine Art Wahrsager. Je nachdem, in welche Richtung der Wind sie drehte und klingen ließ, konnten sie angeblich die Zukunft deuten. Früher wurde den Windspielen auch nachgesagt, dass sie jeden, der in Hörweite wohnt, vor bösen Geistern beschützen. Deshalb hatten sie ihren Platz traditionell an Tempeln und den Häusern wohlhabender Familien. Ihre Besitzer hätten die Furin aus Rücksicht auf ihre Nachbarn in der Nacht oder an besonders windigen Tagen entfernt, sodass die Windspiele nie zur Belästigung wurden.

Dass sie im Gegenteil sogar Lärm entgegenwirken können, zeigt der Bahnhof Mizusawa, der in der nordöstlichen Präfektur Iwate liegt. Dort klingeln seit über 50 Jahren zahlreiche Windspiele aus Metall. Diese gehören zu den „100 Klanglandschaften Japans“, die als Gegenmaßnahme zur Lärm- und Umweltbelastung im ganzen Land konzipiert wurden.

Heute schützen Windspiele die Bewohner der Insel vor allem auch vor heißen und feuchten Sommern. Der Klang des Windspiels wird nämlich mit einer frischen Sommerbrise verbunden, und angeblich stelle sich die abkühlende und belebende Wirkung bereits beim Hören ein. Auch ein entspannender Effekt wird dem japanischen Mobile nachgesagt: Da sie vom Wind bewegt werden, ist ihr Rhythmus im Einklang mit der Natur, was unseren Körper in seinen tiefsten Empfindungen anspricht.

Wind in allen Stärken gehört in Japan zum Alltag, besonders im Spätsommer – daher entfalten Windspiele hier besonders gut ihre Wirkung. Wie alle gutartigen Naturphänomene wird auch der Wind in Japan geschätzt und zelebriert. Ein weiterer Grund für den Erfolg der Klangspiele aus Glas ist natürlich, dass sie einfach schön anzusehen sind. Malereien auf dem Glas machen dieses noch attraktiver: Ein kühles Blau in Form von Barschen, Gelb wie die Sonne oder mystisch-grüner Bambus. Die Motive sind so symbolisch wie der Zweck der Windspiele, und passen oft zur Jahreszeit: Ob Wassermelonen, Blumen oder Feuerwerk, sie sollen den Betrachter optisch auf die warme Saison einstellen. Tiere finden sehr oft einen Platz auf den Kugeln aus Glas oder Porzellan. Zum „Tag der Kinder“ am 5. Mai findet man insbesondere viele Koi-Karpfen, die dieses Fest symbolisieren. Diese Windspiele namens Koi no bori aus Papier klingeln zwar nicht, flattern aber umso lebendiger wie ein Drachen im Wind und zieren zu dieser Zeit jeden Garten, Fluss und Park in Japan. Außerdem können Windspiele auch die Form beliebter Charaktere annehmen oder Kokeshi-Puppen und Manekineko (Winkekatzen) nachempfunden sein.

 

Zerbrechliche Handwerkskunst für den Garten

Windspiele aus Glas werden mundgeblasen, deshalb klingt keines wie das andere. Nachdem Glas in einem Tiegel bei über 1000 Grad geschmolzen wird, blasen die Handwerkskünstler zwei unterschiedlich große Kugeln daraus. Das erfolgt mithilfe einer speziellen Pfeife und nur einem Atemzug. Die Kunst besteht darin, genau mit der richtigen Stärke zu pusten und die lange Pfeife gleichzeitig zu drehen, sodass eine gleichmäßige Kugel entsteht. Oben wird noch ein kleines Loch in die entstandene Kugel reingeschnitten. Die kleinere der Kugeln wird später mithilfe von Stein herausgetrennt, sodass in der größeren eine Öffnung entsteht. In dieser wird später der Klöppel angebracht.

Der vielfältige Klang der gläsernen Windspiele kommt auch daher, dass die Kante der Glaskugeln, anders als bei etwa Geschirr, nicht geschliffen wird. Man sollte also im Umgang mit diesen Windspielen vorsichtig sein, um sich nicht zu schneiden.

Zum Schluss werden die Muster aus Wasserfarben per Hand von innen aufgemalt, damit der Glanz des Glases sowie die Farben dem Wetter zum Trotz lange erhalten bleiben. Ein dünner Klöppel, der für den Ton sorgt, wird zusammen mit dem Papierstreifen im Windspiel befestigt. Das japanische Papier ist robust und enthält oft eine Botschaft oder ein schönes Muster. Was einfach klingt, erfordert tatsächlich jahrzehntelange Übung. Hat man den Bogen raus, dauert es dann nur ca. eine Stunde, solch ein einzigartiges Klangspiel herzustellen.

Eine Bereicherung für Auge und Ohr sind insbesondere Windspiele im Garten. Handgefertigte Kunst hält bei milder Pflege ein Leben lang und darüber hinaus. Natürlich sollte man bei Glas besonders aufpassen und bei zu starken Stürmen jede Art von Windspiel in Sicherheit bringen.

 

Vielfalt der Mobile

Die akustische Ästhetik der Windspiele

Die akustische Ästhetik der Windpiele begeisterte auch viele bekannte Japaner, unter ihnen den Regisseur Akira Kurosawa. Für seinen Film „Rotbart“ suchte er das Furin mit dem schönsten Klang und wurde in Odawara fündig, wo die Kunst der Windspiele aus Gusseisen eine lange Tradition hat. Dort, bei der Manufaktur Kashiwagi, kann man noch heute selbst eine kreative Gussform für eine Glocke anfertigen, aus der später ein Unikat wird.

Ist man doch eher ein Fan von Glas, gilt die Familie Shinohara als Gründer dieser ursprünglichen Handwerkskunst und hat auch heute noch eine Werkstatt in Tokyo. Auch dort kann man als Besucher auch an Workshops teilnehmen und seine eigenen Edo Furin kreieren. In der Präfektur Tokayama entstehen wiederum schöne Windspiele aus Blech und verschiedenfarbigen Beschichtungen, die in der Sonne glänzen und das Geräusch sowie die Ästhetik buddhistischer Glocken nachahmen.

Wohin man also auch geht, jede Region Japans hat ihre eigenen Schätze und es findet sich etwas für jeden Geschmack – und jedes Gehör. Wem eine Reise nicht möglich ist, kann viele Modelle auch online bestellen. Große Werkstätten haben eine englische Website und ausführliche Informationen über Herstellung sowie Möglichkeiten, selbst dabei zu sein, wenn das nächste Kunstwerk entsteht.

Bei hängender Dekoration beschränken sich Japaner nicht auf Klangspiele: Dort findet man natürlich auch Laternen, bunte Fahnen und kleine Gespenster namens Teru Teru Bozu. Letzte erinnern mit ihrem runden Kopf, bunter Schnur oder Schleife, und Körper aus flatterndem Stoff an ein Windspiel. Diese Art von Mobile soll gutes Wetter bescheren.

Davon wünschen auch wir uns möglichst viel. Und sind davon nicht weit entfernt: Der Sommer lässt nicht mehr lange auf sich warten, wenn die Windspiele in Garten und Balkon, Terrasse und Fenster fröhlich vor sich hinschwingen und -klingeln.

 

Japanische Deko