Der wundervolle Anblick von Kirschblüten an warmen Frühlingstagen, der nur für wenige Tage anhält bevor die Kirschblüten anfangen zu verblühen und vom Winde verweht werden, umschreibt das japanische Gefühl „mono no aware".

Durch den Gelehrten Motoori Norinaga wurde mono no aware zu einem zentralen Aspekt der japanischen Kultur. Er nahm diesen Begriff japanischer Ästhetik im 18. Jahrhundert in seinen Lehren auf. Allerdings war diese Ästhetik bereits mit dem Beginn der Verbreitung des Zen-Buddhismus in Japan im 12. Jahrhundert fester Bestandteil der traditionellen japanischen Kunst, Musik und Dichtung.

 

Was bedeutet mono no aware?

Miso-Ramen

Eine genaue Übersetzung gibt es für den japanischen Begriff nicht. Mono kann etwa als Dinge oder Sachen übersetzt werden und das Wort aware bedeutet so viel wie Traurigkeit oder Pathos. Man kann mono no aware also grob als das Pathos der Dinge übersetzen. Jedoch steckt hinter diesem Begriff der japanischen Ästhetik eine viel tiefere Bedeutung. Es geht zum einen um die Freude über Schönheit, welche sich mit der Trauer über Vergänglichkeit mischt. Letztendlich beruht das Gefühl aber nicht darauf den Dingen nachzuweinen, sondern sich mit dem Vergänglichen abzufinden. Mono no aware kann also auch als ein Zusammenspiel aus Nostalgie und Melancholie beschrieben werden. Somit ist es nicht nur ein einzelnes Gefühl, sondern beschreibt viel mehr eine Mischung aus mehreren Gemütszuständen.

 

Die Bedeutung der Kirschblüte

Sakura, wie die Kirschblüte in Japan genannt wird, ist das beste Beispiel für diesen Gemütszustand. Die Kirschblüte erstrahlt nur für etwa zehn Tage im Jahr in atemberaubender Schönheit. Darin erkennen die Japaner die Unbeständigkeit des Schönen im Leben wieder. Die Kirschblüte ist in Japan eines der wichtigsten nationalen Symbole, die eng mit mono no aware - dem zentralen Aspekt japanischer Kultur - verknüpft ist. Sie gilt sinnbildlich für eine vollkommene Schönheit, die zu Beginn des Frühlings auch für eine Art Neuanfang steht. Doch kurz nachdem die Kirschblüte den Höhepunkt ihrer Schönheit erreicht hat, ist diese schon wieder vergangen. In der Bewunderung der Kirschblüten erkennt man die Sensibilität und Wertschätzung, welche die Japaner der vergänglichen Schönheit der Natur entgegenbringen. Die Bewunderung ist so tief in der japanischen Tradition verankert, dass man den Kirschblüten in Japan seit über tausend Jahren ein eigenes Fest widmet. Das Hanami, oder auch Kirschblütenfest, wird im ganzen Land für etwa zehn Tage gefeiert, also so lange wie auch die Kirschblüten blühen. Dieses Fest ist für die Japaner das Wichtigste aller traditionellen Feste des Jahres.

Kirschblüten
Kirschblüten
Kirschblüten
Kirschblüten

 

Japanische Ästhetik in der Kunst

Viele japanische Künstler nutzen das Konzept von mono no aware als stilistisches Mittel in ihren Werken. Vor allem in Filmen und Büchern der Genre Manga und Anime wird mono no aware gerne genutzt, um den Lauf der Zeit zu vermitteln und Geschichten zu erzählen. Ein bekanntes Beispiel für mono no aware in der Literatur sind die Werke des britisch-japanischen Bestsellerautors Kazuo Ishiguro. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane „Was vom Tage übrigblieb“ (Originaltitel: The Remains of The Day) und „Alles, was wir geben mussten„ (Originaltitel: Never Let Me Go). Viele Werke Ishiguros enden meist melancholisch, indem sich die Charaktere letztendlich mit ihrem Schicksal abfinden und ihre Vergangenheit akzeptieren.

 

Mono no aware im Alltag

Mono no aware lehrt uns, dass unsere Erfolge nicht von ewiger Dauer sind, sondern wir für diese arbeiten müssen. Wie beispielsweise beim Sport oder auch beim Lernen einer Sprache müssen wir ausdauernd dabeibleiben, um die erzielten Fortschritte aufrechterhalten zu können. Mono no aware lehrt uns aber auch unsere Aufmerksamkeit auf die vergängliche Schönheit zu richten. Seien es die Frühblüher, an denen wir uns nach einem langen Winter erfreuen können oder die bunten Laubbäume, die nach dem Sommer in warmen Herbsttönen erstrahlen. Wir sollten auch die kleinen Momente im Leben, so alltäglich sie auch scheinen mögen, mehr zu schätzen wissen. Jeder von uns sollte sich etwas von den Japanern abschauen und in Zukunft ein bisschen mono no aware in seinen Alltag integrieren.

Hanami

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