Suzuki, Watanabe undYamamoto gehören heute zu den häufigsten japanischen Familiennamen – Myoji (名字). Dabei haben Japaner über 100,000 verschiedene Namen, während sich Einwohner Chinas und Koreas nur jeweils einige Tausend oder Hundert Familiennamen teilen. Japanische Nachnamen haben nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch immer eine Bedeutung, die sie erzählt. Was steckt hinter dieser Namensvielfalt?

 

Die Rolle des japanischen Nachnamens

Vornamen verleihen Individualität, während Nachnamen die Zugehörigkeit zu einer Familie kennzeichnen. Was davon größere Bedeutung hat, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. Im kollektivistischen Japan ist es klar: Die Gruppe, insbesondere die enge Familie, steht ganz oben. Deshalb ist der Nachname so wichtig und wird immer zuerst genannt. Damit nicht genug, wird er oft auch noch großgeschrieben: Aus Haruki Murakami wird so zum Beispiel MURAKAMI Haruki. Dementsprechend redet man eine Person auch mit dem Nachnamen an – außer, wenn man sich wirklich nahesteht – und vergisst nicht das höfliche san am Ende, wie in Nakamura-san oder Sato-san.

Japanische Nachnamen setzen sich aus den chinesischen Schriftzeichen Kanji zusammen, die alle eine Bedeutung haben. So heißt 田中 Tanaka auf Japanisch „im Reisfeld“, da die Schriftzeichen für sich genommen „Reisfeld“ und „Mitte“ oder „in“ heißen. Aber die Kanji haben oft unterschiedliche Aussprachen, je nachdem, in welchem Kontext sie benutzt werden: Zum Beispiel To und Fuji, die sich auf Japanisch das Zeichen 藤 teilen. Die Namensendung -to kann übrigens auf Verbindungen zum Fujiwara-Clan hinweisen, dem mächtigsten Clan in der Heian-Periode (794 – 1185). Umgekehrt können sie auch unterschiedlichen Inhalt haben: Man kann den Namen Maki 牧 („Schäfer“) oder 真木 („echter Baum“) schreiben.  Diese Unterschiede kommen daher, dass die Schriftzeichen aus dem Chinesischen übernommen wurden und dementsprechend mindestens eine chinesische und eine japanische Aussprache besitzen.


Japanische Familiennamen - Moto, Yama, Gawa…

Während ein Zehntel der Bevölkerung die Top Ten der japanischen Nachnamen innehat, gibt es auch einige seltene, kuriose Nachnamen. 一二三 Hifumi beispielsweise bedeutet wörtlich „eins zwei drei“. Ganze zwei Familien teilen sich den Namen 鰻 Unagi – „Aal“. 東京 Tokyo nennt sich nur eine japanische Familie, die jedoch nicht aus der Hauptstadt stammt – sie wohnt in Osaka. Der Name 正月一日 heißt eigentlich „erster Januar“, kann aber auch als Familienname Ara oder Ao gelesen werden.

Oft stößt man bei japanischen Namen auf dieselbe Endung, wie bei uns etwa -mann. Natürlich bleiben auch diese nicht ohne Sinn. Meistens sind es Begriffe aus der Natur, die diese Nachnamen kennzeichnen. 本 Moto heißt für sich allein „Wurzel“ oder „Ursprung“.  山 Yama bedeutet „Berg“, während 川 Kawa oder Gawa für „Fluss“ steht. Da, wie in Honda, kommt von 田 Ta – „Reisfeld“. Im Inhalt solcher Familiennamen spiegelt sich die traditionelle Naturverbundenheit und landwirtschaftliche Geschichte Japans wider.

Dennoch haben Familiennamen, wie wir sie heute kennen, in Japan eine gar nicht so lange Tradition. Ab 1587 war es allen Nicht-Samurai – immerhin 90 Prozent der Bevölkerung – verboten, offiziell einen Nachnamen zu tragen. Diese Regelung galt jedoch nur für offizielle Papiere und in Gegenwart von Samurai, sodass viele trotzdem inoffiziell Familiennamen verwendeten – die heute noch verwendeten Myoji.

Familiennamen mit Naturverbundenheit

Naturverbundenheit spiegelt sich im Namen wider

"Wurzel" = Moto | "Berg" = Yama | "Fluss" = Kawa/Gawa | "Reisfeld" = Ta (von Da wie Honda)


Drei Familiennamen auf einmal?

Um zu verstehen, woher japanische Nachnamen kommen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Familie in Japan. Diese sah nicht immer so aus wie bei uns: Bis zur Herrschaft der Kaiser handelte es sich nicht um die Kernfamilie, wie wir sie heute kennen und die in Japan Kazoku heißt. In der Klasse der Samurai waren es vielmehr Clans (Shizoku). Die Erbschaft der Clanoberhäupter wurde gleichmäßig unter allen Kindern, ob männlich oder weiblich, aufgeteilt.

Die Mitglieder der japanischen Samurai-Klasse konnten gleich mehrere Nachnamen tragen. Der ursprüngliche Clan-Name wurde 氏 Uji genannt. Adelige bekamen vom Kaiser zusätzlich noch einen Adelstitel: 姓 Kabane, der an den Uji angehängt wurde. Zusammen hieß dieser Name 氏姓 Shisei. Der mächtigste und bekannteste Clan der japanischen Geschichte war  大和 Yamato (Ya – „groß“ und Mato – „Harmonie“). Er prägte die japanische Nationalität soweit, dass er heute namensgebend für die größte ethnische Gruppe im Land ist.

Einige mächtige Clans wurden in der Heian-Ära (794 – 1185) Vasallen von Adeligen und begannen, ihre Namen ebenfalls anzupassen. Da sich immer mehr Clans dieselben Nachnamen teilten, griffen Gruppen von Samurai auf neue japanische Nachnamen zurück, um sich zu unterscheiden und ihren individuellen Status hervorzuheben. Diese waren ebenfalls eine frühe Version der heutigen Myoji. Auch wenn Samurai Land außerhalb ihres Familienbesitzes erbten oder kultivierten, wählten sie ihren Myoji-Nachnamen entsprechend diesen neuen Territorien. Obwohl Uji immer noch der offizielle Nachname blieb, wurde Myoji vorwiegend im Alltag verwendet und etablierte sich so nach und nach zum wichtigsten Teil des Namens.


Neuer Staat, neue japanische Nachnamen

Zu den häufigsten japanischen Familiennamen bis zur Meiji-Restauration Ende des 19. Jahrhunderts zählten Fujiwara 藤原 („Wistarienfeld“), der Name des mächtigsten Adelshauses, und Minamoto 源 („Quelle“ oder „Ursprung“), wie der einflussreichste japanischen Samurai-Clan hieß. Es wurde zunehmend kompliziert, zwischen den Trägern dieser Nachnamen zu unterscheiden, die einen Großteil der japanischen Bevölkerung ausmachten.

Während der Meiji-Restauration wurde die Gesellschaft und Politik in Japan darauf grundlegend reformiert, und 1875 wurde schließlich ein neues Gesetz erlassen, das jeden Einwohner Japans dazu verpflichtete, einen Familiennamen zu registrieren. Das neu etablierte Familienregister wird Koseki genannt und heute wird jedes neu geborene Kind darin eingetragen. Damals galt der Nachname, der darin stand, für einen Haushalt mit mehreren Generationen unter einem Dach. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Inhalt aber so reformiert, dass es heute nur noch die Kernfamilie mit bis zu zwei Generationen, also Eltern und Kinder, umfasst. Die Kaiserfamilie hat übrigens ihr eigenes Familienregister (Kotofu) und der Kaiser selbst besitzt keinen Nachnamen – er wird seit jeher als eine Art Gottheit angesehen, die zu keinem Clan gehört.

Das Besondere: Die neu zugeteilten japanischen Namen wurden meistens nicht einfach übernommen, sondern entstammen der Feder von lokalen Tempelpriestern. Deshalb sagt ein japanischer Nachname heute nicht mehr unbedingt etwas über die Familienwurzeln aus. Vielmehr spiegelte er oft die Eigenschaften des Wohnortes oder Besitztümer wider: Etwa 原 Hara für „Feld“, 澤 Sawa für „Sumpf“, 橋Hashi für „Brücke“. Wohnte jemand auf einer Wasserquelle, konnte er 井上 Inoue heißen („auf dem Brunnen“). Hatte er einen bewaldeten Hügel in der Umgebung, schien  松岡 Matsuoka („Kiefernhügel“) als Nachname naheliegend. Auch Berufsbezeichnungen konnten genutzt werden, so wie鍛冶 Kaji für „Schmied“. Hatte eine Familie beispielsweise eine Affinität zum Kochen, konnte sich das ebenfalls im Namen widerspiegeln: In 味噌 Miso oder 醤油 Shoyu wie „Sojasauce“. Mächtige Clans konnten sich nach den Regionen nennen, die sie beherrschten, sodass ein Nachname auf die Herkunft der Vorfahren hinweisen kann.

Die japanischen Familiennamen, die unverändert übertragen wurden, waren meistens nicht die der einflussreichsten Adeligen, weil man mit dem Namen auch die Tabus übertrug, die mit ihm zusammenhingen. Deshalb sind die Namen großer Herrscher der vergangenen Imperien, wie Tokugawa oder Ashikaga, heute beinahe ausgestorben.


Die japanische Familie früher und heute

Wenn sich die Familienstruktur über die Epochen hinweg gewandelt hat, wie sieht sie dann im heutigen Japan aus? In Sachen Ehe hält man es hier traditionell: Bei der Heirat ist es in Japan üblich und sogar gesetzlich vorgeschrieben, dass ein Ehepartner seinen Nachnamen aufgibt, wobei es fast immer die Frau ist. Ihr Mädchenname, Kyusei, findet dann höchstens informelle Verwendung. Das Gesetz ist nach wie vor umstritten und ruft unter der weiblichen Bevölkerung Proteste hervor, Umfragen zeigen aber auch, dass viele Japaner einen positiven Einfluss eines gleichen Nachnamens für die Kinder der Familie sehen.

Namensänderung durch Heirat

Dass ein japanischer Nachname mit der Hochzeit geändert wird, wird aber erst seit der Heian-Ära (794 – 1185) praktiziert. Erst dort verbreitete sich in ganz Japan auch das patriarchale Ie-Familiensystem mit einem männlichen Familienoberhaupt, in dem nur der älteste Sohn das Erbrecht bekommt – bis dahin lebten die Eheleute häufig bei der Familie der Ehefrau. Dennoch hört das Wesen der japanischen Familie auch heute nicht auf, sich zu ändern, und das ursprüngliche patriarchale System wird schon als veraltet angesehen.

Wie die Familie, so sind auch die unterschiedlichen historischen Arten von japanischen Nachnamen heute zu einer Form verschmolzen, sodass man heute grob zwischen dem Familiennamen (Myoji), dem Vornamen (Namae) und vollen Namen (Shimei) auf Japanisch unterscheidet. Die Schriftzeichen für 氏 Uji und 姓 Kabane sind zwar heute noch erhalten, beispielsweise für rechtliche oder wahrsagerische Nutzung. Doch obwohl die diversen Arten von japanischen Nachnamen kompliziert erscheinen, muss man sich heute nur noch einen merken, um seinem japanischen Gegenüber Höflichkeit und Respekt zu zeigen – und vielleicht etwas über die Geschichte seiner Familie zu lernen.


Zusammenfassung

  • zu den häufigsten japanischen Familiennamen gehören: Suzuki, Watanabe und Yamamoto
  • japanische Nachnamen haben neben der langen Geschichte auch immer eine Bedeutung
  • Nachnamen zeigen die Zugehörigkeit zu einer Familie, Vornamen verleihen Individualität
  • der Nachname wird immer zuerst genannt und zudem meist groß geschrieben, Bsp.: MURAKAMI Haruki
  • seit 1875 ist jeder Einwohner Japans dazu verpflichtet einen Familiennamen zu registrieren
  • da der Kaiser als Gottheit gesehen wird, die zu keinem Clan gehört, besitzt er keinen Nachnamen
  • viele japanische Nachnamen sagen etwas über die damaligen Besitztümer und Eigenschaften des Wohnortes aus. Z.B.
    • Hara = „Feld“, Sawa = „Sumpf“, Hashi = „Brücke“
    • wohnte man auf einer Wasserquelle konnte man Inoue heißen („auf dem Brunnen“)
    • auch Berufsbeichnungen waren möglich: Kaji = „Schmied“
    • oder bestimmte Affinitäten, wie z.B. zum Kochen: Miso oder Shoyu = „Sojasauce“.
  • heute ist es gesetztlich vorgeschrieben, dass bei der Heirat ein Ehepartner seinen Nachnamen aufgibt – meistens die Frau