Schreiben kann Kunst sein: von alten Märchenbüchern bis hin zum Handlettering erleben wir das in unserem Alltag. Doch auch in Japan hat sich die ästhetische Schrift als Shodo fest in der Kultur etabliert. Erfahren Sie, was japanische Kalligraphie mit Kampfsport zu tun hat, wie man die schönsten Zeichen malt - und warum es sich lohnt, das auszuprobieren.

 

Mehr als schöne Schrift

Kalligraphie - Shodo

"Der Weg des Schreibens": so kann man Shodo 書道 übersetzen. Der Name deutet bereits an, dass es nicht darauf ankommt, wie das Ergebnis aussieht - sondern auf die Art und Weise, wie man es erzielt. Die kunstvollen chinesischen Zeichen, die besonders als Deko und Tattoos bei uns präsent sind, haben eine lange Geschichte.

Ursprünglich in China entstanden, wurde die Kunst des schönen Schreibens im 6. Jahrhundert zu einem Teil der japanischen Kultur. Aber wie alle anderen Importe wurde die Kalligraphie von Japanern nicht einfach übernommen. Die chinesische Schreibkunst wurde an die Besonderheiten des Landes angepasst - und Shodo war geboren. Die Form der Kalligraphie, die heute als traditionelle Kunst angesehen wird, wurde noch bis zum 10. Jahrhundert weiter entwickelt.

Was sind die Unterschiede zur westlichen oder chinesischen Kalligraphie? Wir schreiben Buchstaben mit Tusche und Feder, in Ostasien "malt" man die Schriftzeichen mit dem Pinsel. Auf den ersten Blick ist japanische Schönschrift kaum von chinesischer zu unterscheiden, denn es handelt sich größtenteils um dieselben Schriftzeichen, Kanji. Im Japanischen können jedoch noch Hiragana und Katakana dazukommen. Während Kanji jeweils ein Wort bezeichnen, steht jedes japanische Kana-Schriftzeichen für eine Silbe. In Japan kommt meist auch ein anderer Schreibstil zum Einsatz als in China. Wie der Pinsel gehalten wird und in welcher Reihenfolge die Striche angebracht werden - das alles unterscheidet sich je nach Land. Richtige Experten können den Unterschied bei der Kalligraphie auf den ersten Blick erkennen.

Das Arbeitsmaterial ist ebenfalls essentiell für den Kalligraphen. In China nennt man es die "vier Schätze des Gelehrtenzimmers": Papier, Tusche, Reibstein für die Tusche und Schreibpinsel.

 

Das Werkzeug macht den Kalligraphen

Kalligraphie

Die Schriftzeichen werden nicht auf normalem Papier, sondern auf besonderem japanischen Reispapier Hanshi geschrieben. Das Interessante an Hanshi ist, dass es meistens gar nicht aus Reis besteht - sondern aus diversen anderen pflanzlichen Materialien, etwa den Fasern des Maulbeerbaums oder des japanischen Papierbaums (Gampi). Dieses Papier ist dünn bis durchscheinend und zugleich besonders reißfest. Es hat eine raue und eine glatte Seite. Für welche man sich entscheidet, ist jedem selbst überlassen.

Zum Schreiben kann man fertige Tinte bekommen, traditionell aber wird sie vorher aber noch mithilfe eines Reibsteins vorbereitet. Das funktioniert so: die Tusche, Sumi, kommt in Form einer Stange aus Ruß zum Einsatz. Zuerst wird ein wenig Wasser in den Reibstein gegeben. Dann reibt man das Sumi in einer vertikalen Position leicht auf dem Stein namens Suzuri. Das richtige Verhältnis von Wasser und Tusche kann man als Anfänger nur durch Experimentieren herausfinden. Die Tinte sollte nicht zu hell und wässrig, aber auch nicht zu dickflüssig sein, sodass man sie leicht auftragen kann.

Mit dieser Tinte kann nicht nur geschrieben, sondern auch Bilder gezeichnet werden. Die Kunst der japanischen Tuschmalerei nennt man Sumi-e.

Am besten benutzt man für Shodo spezielle Kalligraphie-Pinsel, die in allen möglichen Größen erhältlich sind. Die japanischen Pinsel bestehen meistens aus Haaren - etwa von Ziege, Schaf oder Pferd - oder aber synthetischen Materialien, haben einen Griff aus Holz oder Plastik. Die Haare an der Spitze des Pinsels sollten dabei spitz zulaufen, gleich lang sein und dürfen nicht abstehen - erst dann hat man einen hochwertigen Kalligraphie-Pinsel in der Hand. Alternativ gibt es auch spezielle Pinselstifte, die Fude genannt werden. Diese feinen Stifte sind für das Schreiben chinesischer Zeichen konzipiert. In Japan werden Pinsel beim Shodo vertikal gehalten, sodass der Schreibende aufrecht sitzen muss.

Weitere Werkzeuge wie Papierbeschwerer oder spezielle Unterlagen runden das Kalligraphie-Set ab. Schon kann es losgehen!

 

Viele Wege zum Ziel: die Stile des Shodo

Japanische Kalligraphie

Japanische Zeichen schreibt man entweder von oben nach unten oder von links nach rechts. Ersteres ist im Shodo häufiger zu finden. Dann liest man die Schrift von rechts nach links.

So weit, so gut - aber wie sieht es mit den einzelnen Schriftzeichen aus? Im Shodo unterscheidet man etwa fünf traditionelle Techniken:

  • Kaisho: jedes Kind in Japan wird zuerst diesen Stil als Grundlage kennenlernen, der übersetzt "korrektes Schreiben" bedeutet. Hier wird jeder Strich in den Zeichen separat geschrieben, der Pinsel wird also abgesetzt. Kaisho ist im Vergleich zu den anderen Stilen eher "eckig" und sehr gut lesbar.
  • Gyosho: wenn Kaisho "Druckschrift" ist, ähnelt dieser Schreibstil eher der Schreibschrift. Die Pinsel-Striche laufen sowohl in den Gedanken als auch auf dem Papier rund und flüssig ineinander über. Etwas fortgeschrittenere Kalligraphen bevorzugen diese Technik.
  • Sosho: für Unerfahrene kaum lesbar, sieht diese Schrift dennoch simpel und ästhetisch aus. Sosho ist ein wenig wie abstrakte Kunst, bei der die Bedeutung des Beschrieben im Vordergrund steht. Hier wird der Pinsel kaum abgesetzt. Wenn der Kalligraph also ein Gefühl für das Schriftzeichen bekommen hat, wird er es im Sosho optimal auf das Papier bringen können.
  • Tensho: dieser dekorative Stil wird vor allem für Siegel oder Stempel verwendet und ähnelt eher einem Symbol. Die Linien sind fein, definiert und weich, der Schwierigkeitsgrad ist aber auch entsprechend hoch.
  • Reisho: als "offizielle" oder "klerikale" Schrift ist diese oft auf japanischen Dokumenten zu finden. Reisho ersetzte seinerzeit den ursprünglichen Tensho-Stil, da er schneller und einfacher war. Im Vergleich zu den anderen Stilen orientiert sich diese Technik stärker am ursprünglichen Bild, welches die Vorlage für das Kanji-Schriftzeichen war.

In der modernen Kalligraphie haben sich auch weitere Stile herausgebildet. Außerdem verwenden moderne Shodo-Fans auch andere Schreibwerkzeuge und Materialien wie Kugelschreiber, Farben oder digitale Hilfsmittel zur Malerei. Jeder Kalligraph hat seine eigene Handschrift und Präferenz - bei künstlerischem Ausdruck gibt es kein Richtig oder Falsch. Aus japanischer Schrift lassen sich so ausgefeilte und kreative Kunstwerke kreieren, zeichnen und malen.

 

Japanische Kalligraphie hat einiges zu sagen

Nun haben wir einen Eindruck davon gewonnen, wie man im Shodo schreibt. Aber was genau schreibt man eigentlich in der japanischen Kalligraphie? Zu Beginn waren es religiöse Texte, nämlich buddhistische Lehrsätze - die sogenannten Sutras - und Gebetsbücher. Heute sind es meistens Begriffe oder Sätze, die für den Künstler eine wichtige Bedeutung haben. Hier sind ein paar Beispiele für beliebte japanische Kanji mit Übersetzung:

  • Liebe 愛 - ai
  • Glück 幸 - ko
  • Kraft 力 - ryoku
  • Leben 生 - sei
  • Traum 夢 - yume
  • Weg 道 - do
  • Ewigkeit 永 - ei
  • Mensch 人 - hito

Genau wie die japanische Teezeremonie, nationale Kampfsportarten oder die Kunst des Blumensteckens, Ikebana, ist auch die japanische Kalligraphie aus dem Zen-Buddhismus entstanden. Die Philosophie dahinter ist vielen traditionellen japanischen Künsten zu eigen. Nicht wenige Kampfkünstler sind deshalb auch hervorragende Kalligraphen. In der japanischen Kalligraphie geht es also darum, sich auf die Bedeutung des jeweiligen Zeichens zu besinnen und sie beim Führen des Pinsels zu fühlen. Vom bloßen Abschreiben kommt man so bald zum individuellen Werk, das durch Harmonie besticht.

Im Shodo wird das Schreiben zur Philosophie und Meditation, die nicht mehr nur in Japan ausgeübt wird. Jeder kann diese Art der Kalligraphie lernen und seine Liebe zum Schreiben ausüben. Überall auf der Welt gibt es Kurse und Workshops, die das Schönschreiben der Schriftzeichen den Besuchern nahebringen. Aber auch in Büchern und auf YouTube können Anfänger fündig werden. Viele nutzen diese Art der Handschrift zur Entspannung von der Hektik der Moderne. Kein Wunder, denn bei der Konzentration auf jeden Pinsel-Strich sind die Sorgen des Alltags vergessen. Und mit etwas Übung bekommt man am Ende ein Ergebnis, das sich wirklich sehen lassen kann.

 

Oryoki Blogartikel - Zen-Buddhismus